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Zdirekt! 03-2022

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12 TITELTHEMA Ja, wo

12 TITELTHEMA Ja, wo sind denn alle hin?! Dies ist wohl eine der am häufigsten gestellten Fragen nach dem coronabedingten Lockdown der Wirtschaft. Im Hochsommer geschlossene Restaurants und Biergärten, reihenweise abgesagte Events und Chaos an den deutschen Flughäfen liefern beredt Zeugnis, dass vor allem auf dem Dienstleistungssektor ein Wandel, ja eine Abwanderung in andere Branchen stattgefunden hat, die den schon vor Corona existierenden Fachkräftemangel um ein Vielfaches verschärft hat. „Die große Arbeiterlosigkeit“ heißt das Buch von Dr. Sebastian Dettmers, Chief Executive Officer (CEO) bei der E-Recruiting-Plattform Stepstone. Im Fokus seiner Arbeit stehen die schrumpfende Bevölkerung und der damit einhergehende zunehmende Mangel an Fachkräften sowie die damit drohende Stagnation des Wohlstands. Mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklungsgeschichte attestiert der Autor, die Gesellschaft sei mit einem „Produktivitäts-Paradoxon“ konfrontiert: Zunehmender Wohlstand lasse die Menschheit schrumpfen – das bestätigt sich bei der Analyse der Entwicklung der Bevölkerungszahlen im Vergleich von Entwicklungsländern und Industrienationen. Deutschland werde bis Ende des Jahrhunderts ein Bevölkerungsminus von 20 Prozent zu verkraften haben, wenn sich nichts ändere, erläutert Dettmers. Die Folgen definiert er als „Unrevolution“ – langsameres Wachstum lasse den Fortschritt erlahmen, was auch das Handeln betäube. Nun sei es an der Zeit, gegenzusteuern, neue Wege zu gehen und innovative Konzepte zu entwickeln. Potenzial sieht er dabei in den Wanderungsbewegungen: Es gebe aktuell 281 Millionen Migranten, davon seien 20 Millionen auf der Flucht. Der Rest migriere aus wirtschaftlichen Gründen. Damit Deutschland als Wirtschaftsstandort wettbewerbsfähig bleiben könne, sei laut offizieller Definition eine Zuwanderung von 480.000 Migranten

Z direkt! 03/2022 TITELTHEMA 13 pro Jahr notwendig. Der Stepstone-CEO prognostiziert allerdings die Notwendigkeit von 700.000 Zuwanderungen, damit die Zahl der Erwerbsbevölkerung stabil bleibe. Aktuell blickt Deutschland auf 300.000 Zuwanderungen jährlich. Dettmers thematisiert die starken Vorbehalte gegen Migranten. Die meisten Einwanderer seien in Niedriglohnjobs statt im Fachkräftebereich unterwegs. Hierzulande, so der Autor, sei es sehr schwer, ausländische Abschlüsse anerkennen zu lassen. Migranten werden nicht integriert und seien hauptsächlich sich selbst überlassen, legt er die Finger in die Wunde deutscher Bürokratie. „Um Migranten muss geworben werden“, verweist der CEO auf den eskalierenden internationalen Wettbewerb um Arbeitskräfte. Migration müsse zielgerichtet gesteuert werden, um die Arbeitsmarktlücken zu schließen. In Deutschland stelle sich die Situation so dar, dass 39 Prozent der Migranten in hochqualifizierten Berufen tätig seien, 30 Prozent seien für ihren Job überqualifiziert, und 31 Prozent seien arbeitslos. Als Idee schlägt er ein „Migrationsministerium“ vor, das neue Narrative unter der Überschrift „Warum es sich lohnt, nach Deutschland zu kommen“ entwickelt. Ins Visier nimmt Dettmers auch den Status quo des Umgangs der Politik mit der Wirtschaft und kritisiert hauptsächlich „Zombie-Unternehmen, die nur durch staatliche Förderung überleben“. Notwendig seien eine Vision und ein Ziel, denn Innovationen seien der wichtigste Treibstoff für Produktivität. Es gelte, unproduktive Prozesse zu automatisieren, um Kapazitäten eben dafür freizuschaufeln. Automatisierung schaffe mehr Arbeitsplätze als sie vernichte. Als Beispiel nennt der Stepstone-Chef den Industrieroboterbau: Damit sei eine völlig neue Branche mit neuen Arbeitsplätzen geschaffen worden, und Deutschland sei das führende Herstellerland. „Fortschritt entsteht, wenn beim Einsatz von Technologie die Produktivität im Vordergrund steht“, stellt der Autor fest. Ein weiterer unabdingbarer Faktor für das Wirtschaftswachstum sei die Bildung. Je mehr Digitalisierung und Einsatz von Maschinen, desto weniger Jobs für Geringqualifizierte, verdeutlicht Dettmers und verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass derzeit jeder fünfte 15-Jährige hierzulande nicht einmal auf Grundschulniveau lesen könne. Es gebe zu viele ohne ausreichende Qualifikation, der Nachwuchs sei damit nicht ausbildungsfähig. Hinzu komme ein eklatanter Lehrkräftemangel. Zudem habe die PISA-Studie gezeigt, dass immer noch die soziale Herkunft entscheidend für den Schulerfolg sei. Als Beispiel, wie es auch anders geht, nennt er die USA: Alle vierjährigen Kinder werden dort auf ihre Sprachfähigkeit getestet – wer Defizite hat, muss in die Vorschule, das ist Pflicht. Angesichts des Unterrichtsdilemmas, das durch Corona noch wesentlich verschärft wurde, schlägt er vor, in Deutschland das Programm „Aufholen nach Corona“ zu starten. Mit einheitlichen nationalen Zwischenprüfungen hätten Schüler und Lehrer beispielsweise ein klares Ziel, auf das sie hinarbeiten könnten. Unterm Strich liefert der Autor zahlreiche Impulse und zukunftsorientierte Lösungsansätze, die in anderen Ländern teils längst Alltag sind. Offenbleiben muss dabei die Frage nach dem Tempo. Ein Blick in die Historie wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen zeigt, dass Wandel oftmals auch einer gewissen Langfristigkeit unterliegt. Technischer – und damit wirtschaftlicher – Fortschritt nehmen meist ganz schnell Fahrt auf, doch hinkt der gesellschaftliche Umbruch hinterher. Es hat lange gedauert, bis nicht mehr Kinder sieben Tage in der Woche in Europa am Fließband standen. Deshalb, da liegt der Autor ganz richtig, ist Bildung nicht nur das höchste Gut, sondern auch unabdingbare Voraussetzung für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Weiterentwicklung. WLI DR. SEBASTIAN DETTMERS Die große Arbeiterlosigkeit | FinanzBuch Verlag | ISBN: 978-3-95972-595-8 Seit Anfang 2020 ist Dr. Sebastian Dettmers Chief Executive Officer (CEO) von Stepstone. Zuvor war er bereits Geschäftsführer der Online-Jobplattform für den deutschen Markt, seit 2017 ist der 40-jährige Managing Director für Kontinentaleuropa. Nach einem Betriebswirtschaftsstudium an der Universität Münster mit Promotion bei Professor Heribert Meffert war Dettmers als Geschäftsführer der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Marketing und Unternehmensführung und als General Manager Classifieds im Digitalgeschäft bei der Axel Springer AG tätig.

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