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Zdirekt! 01-2019

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30 BERLIN DIREKT Prof.

30 BERLIN DIREKT Prof. Dr. Lutz Bellmann | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Unter dem Stichwort „Arbeit 4.0“ werden viele tiefgreifende Veränderungen in der Arbeitswelt diskutiert. Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund aus wissenschaftlicher Perspektive die Zukunft des Begriffs „Normalarbeitsverhältnis“? Bachmann: Am Begriff „Normalarbeitsverhältnis“ wird sich auf absehbare Zeit kaum etwas ändern, denn der Begriff ist sehr stark etabliert und ist für eine große Mehrheit der Bevölkerung das Idealbild eines Beschäftigungsverhältnisses. Allerdings ist es in der Tat so, dass der technologische Fortschritt mit den Stichwörtern „Arbeit 4.0“, Digitalisierung und künstliche Intelligenz eine Herausforderung für jeden Einzelnen und für den Arbeitsmarkt insgesamt darstellt. Flexibilität in verschiedenen Dimensionen wird noch wichtiger werden, da sich Tätigkeiten und Berufe voraussichtlich schneller ändern werden, als dies bisher der Fall war. Hier wird auch die Zeitarbeit eine Rolle spielen. Dementsprechend ist eine spannende Forschungsfrage, inwiefern die Zeitarbeit einen geeigneten Rahmen darstellen kann, in dem sich die Flexibilität von Arbeitnehmerinnen, Arbeitnehmern und Firmen mit einer akzeptablen Arbeitsqualität – inklusive einer ausreichenden Absicherung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – kombinieren lässt. Schneider: Der Begriff des Normalarbeitsverhältnisses ist hochgradig normativ, weil er suggeriert, dass andere Erwerbsformen weniger erstrebenswert seien. So werden beispielsweise Formen der Selbständigkeit vor diesem Hintergrund vorschnell als prekär eingestuft. Seriöse Wissenschaftler sollten den Begriff daher vermeiden und stattdessen wertneutral von spezifischen Formen der Erwerbstätigkeit sprechen. Fakt ist, dass die zunehmende Entgrenzung von Ort und Zeit der Erbringung von Arbeitsleistungen neue Formen der Erwerbstätigkeit hervor bringt, die die Bedeutung von abhängiger Beschäftigung im Sinne von sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen reduzieren dürften. Viele der hier angesprochenen Probleme würden an Bedeutung verlieren, wenn eine allgemeine Sozialversicherungspflicht eingeführt würde, mit der eine Unterscheidung in sozialversicherungspflichtige und selbständige Erwerbstätigkeit mehr oder weniger überflüssig würde. Bellmann: Die Zunahme der Teilzeit- und der befristeten Beschäftigung haben dazu geführt, dass es beispielsweise für jüngere Beschäftigte oft schon typisch oder „normal“ ist, nicht in einem unbefristeten Vollzeitbeschäftigungsverhältnis tätig zu sein. Durch die Digitalisierung wird es möglicherweise auch leichter, sich selbständig zu machen. Auch wenn wir noch zu wenig über die Anzahl der Crowdworker in Deutschland wissen, tragen sie zum Wachstum der sogenannten atypischen Beschäftigung in Deutschland bei. Der Fokus der Forschung muss sich natürlich ändern, wenn sich die Arbeitswelt verändert.

Z direkt! 01/2019 BERLIN DIREKT 31 Wo steht die Zeitarbeit aus Ihrer Sicht in zehn Jahren? Bachmann: Die Zeitarbeit wird weiterhin eine wichtige Rolle spielen, möglicherweise vor dem Hintergrund des genannten technologischen Wandels sogar in einem ansteigenden Maße. Eine bedeutende Rolle wird hierbei aber auch der gesetzliche Rahmen spielen. Hier bin ich sehr gespannt auf die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Forschung, unter anderem hinsichtlich des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes, und hoffe, dass diese Erkenntnisse erst genommen werden und entsprechend in die Gestaltung des gesetzlichen Rahmens einfließen. Bellmann: Flexibilität ist das große Plus dieser Branche. Das ist sicherlich eine große Stärke, die noch erheblich an Bedeutung gewinnen wird. Die Frage ist, ob sich andere Beschäftigungsformen Wettbewerbsvorteile gegenüber der Zeitarbeit erarbeiten können. Spannend wird sein, ob die Kunden die Angebote der Zeitarbeitsfirmen in anderen Bereichen der professionellen Personalarbeit wie dem Gesundheitswesen annehmen. Schneider: Das hängt vor allem davon ab, wie sich die institutionellen Rahmenbedingungen für die Zeitarbeit entwickeln. Bleibt alles wie bisher, wird die Zeitarbeit auch in 10 Jahren etwa da stehen wo sie heute steht. Schwankungen ihrer quantitativen Bedeutung sind dann in erster Linie konjunktureller Natur. Nimmt die Regulierung zu, wird der Markt darauf reagieren. Wenn Unternehmen die Möglichkeit zur flexiblen Reaktion auf Auslastungsschwankungen und temporäre Mitarbeiterausfälle genommen wird, müssen sie entweder die Produktion drosseln oder an andere Standorte verlagern. Nimmt die Regulierung ab, wird die Bedeutung von Zeitarbeit wahrscheinlich noch etwas zunehmen, aber die Sorge, dass dies zu einer schleichenden Umwandlung bisheriger Arbeitsverhältnisse in Zeitarbeitsverhältnisse führen würde, halte ich für maßlos übertrieben. Planbarkeit und Verlässlichkeit der Einkommenssituation hat einen hohen Stellenwert für Arbeitnehmer. Unternehmen, die die besten Köpfe für sich gewinnen wollen, müssen genau dies bieten. Deswegen wird Zeitarbeit auch dann ein Nischenmarkt bleiben, wenn sie völlig unreguliert ist. Wohin die Reise letztlich geht, ist also im Wesentlichen eine Frage von politischen Setzungen. Hier können selbst hauchdünne Mehrheiten über fundamentale Richtungsänderungen entscheiden. Insofern ist es schwer, eine vernünftige Voraussage über die Welt in 10 Jahren abzugeben. BT Anzeige 31

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