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Zdirekt! 01-2019

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28 BERLIN DIREKT

28 BERLIN DIREKT Interview Entwicklung der Zeitarbeitsforschung Die Zeitarbeit wird medial häufig pauschal kritisiert, umfassendes und differenziertes Wissen über die Branche liegt allerdings kaum vor. Ein angemessener Umgang mit der Branche erfordert jedoch objektive und detaillierte Kenntnis. Mit dem Wandel der Arbeitswelt steigt dieser Bedarf an Wissen weiter. Benjamin Teutmeyer aus dem Fachbereich Politische Grundsatzfragen sprach mit den führenden Wissenschaftlern, Prof. Dr. Ronald Bachmann, RWI-Institut für Wirtschaftsforschung, Prof. Dr. Lutz Bellmann, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und Prof. Dr. Hilmar Schneider, Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), über die Entwicklung der Zeitarbeitsforschung. Prof. Dr. Ronald Bachmann | RWI-Institut für Wirtschaftsforschung Ist die Zeitarbeit in Deutschland als Beschäftigungsform, mit nur 2,8 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, dennoch ein interessantes und lohnenswertes Forschungsfeld? Bachmann: Die genannte Zahl ist eine Bestandsbetrachtung, also wie viele Personen zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zeitarbeit beschäftigt sind. Betrachtet man hingegen, wie viele Personen zum Beispiel im Jahresverlauf mit Zeitarbeit in Berührung kommen, zeigt sich eine deutlich größere Bedeutung. Laut Bundesagentur für Arbeit kommt man dann auf gut eine Million Zeitarbeitnehmerinnen und -arbeitnehmer. Bei einer noch genaueren Betrachtung wird auch bei den Übergängen zwischen Arbeitsmarktzuständen ein größerer Anteil erkennbar. So besteht fast ein Fünftel der Beschäftigungszugänge aus der Arbeitslosigkeit aus Personen, die in der Zeitarbeit tätig werden. Zudem übt die Zeitarbeit wichtige Funktionen für den Arbeitsmarkt aus: Insbesondere für Arbeitslose und Beschäftigte mit wenig Berufserfahrung ist sie ein geeignetes Instrument, um Arbeitserfahrung zu sammeln, für Firmen gewährleistet sie Flexibilität. Aus diesen Gründen ist die Zeitarbeit auf jeden Fall ein spannendes Forschungsfeld. Bellmann: Wir können einige Besonderheiten in der Zeitarbeit beobachten, die es in kaum einem anderen Wirtschaftsbereich gibt: In den letzten 15 Jahren haben wir in Deutschland eine sehr dynamische Entwicklung in dieser Branche erlebt. Das hängt nicht zuletzt mit den zunehmenden Flexibilisierungserfordernissen der Betriebe zusammen. Wir sehen auch, dass die Beschäftigten in der Zeitarbeit im Durchschnitt weniger lange als in anderen Wirtschaftsbereichen tätig sind. Schneider: Zeitarbeit ist definitiv für die Forschung interessant, weil sich aus ihr sehr viel über die Struktur und Funktionsweise von Arbeitsmärkten herauslesen lässt.

Z direkt! 01/2019 BERLIN DIREKT 29 Welche Fragen im Zusammenhang mit Zeitarbeit sind aus Ihrer Sicht besonders interessant und zukunftsträchtig? Bachmann: Hier halte ich den Einfluss der Zeitarbeit auf den Arbeitsmarkterfolg Einzelner für besonders interessant, auch wenn es hierzu schon einige aufschlussreiche Forschungsergebnisse gibt. Inwiefern fungiert die Zeitarbeit beispielsweise als Sprungbrett in ein Normalarbeitsverhältnis? Zudem ist weiterhin die Arbeitsqualität in der Zeitarbeit von Interesse. Auch hier gibt es schon einige Evidenz, die beispielsweise gefunden hat, dass sich die Arbeitsqualität in den letzten 10 bis 15 Jahren deutlich verbessert hat; dennoch wissen wir noch nicht allzu viel über diesen Bereich. Zudem gibt es noch kaum Erkenntnisse über die Entwicklungen während eines Entleiheinsatzes, was insbesondere hinsichtlich der Lohnentwicklung spannend wäre. Bellmann: Die große Mobilität der Beschäftigten in der Zeitarbeit ist Chance und Herausforderung zugleich. Zum Teil können die Beschäftigten innerhalb kurzer Zeit vielfältige Erfahrungen sammeln. Allerdings kann Zeitarbeit mit Nachteilen bei der Entlohnung, Weiterbildung und den Beschäftigungsperspektiven verbunden sein. Differenzierte wissenschaftliche Analysen sind erforderlich, um die Verbreitung und die Ursachen der geschilderten Phänomene zu untersuchen; pauschale Beurteilungen helfen an dieser Stelle nicht weiter. Bislang wenig im Fokus der Forschung zur Zeitarbeit sind die Hochqualifizierten, eine zunehmend wichtige Gruppe auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Schneider: Es handelt sich um eine Beschäftigungsform, die unterschiedliche Funktionen im Arbeitsmarkt erfüllen kann, je nachdem wie stark ein Arbeitsmarkt reguliert ist. In einem hoch regulierten Arbeitsmarkt bietet sie in der Regel Flexibilitätsspielraum für Unternehmen, der ansonsten nicht zur Verfügung steht. In einem wenig regulierten Arbeitsmarkt wird sie dagegen häufig als Rekrutierungsinstrument eingesetzt. Die Frage, ob Zeitarbeit ein Sprungbrett in die Festanstellung bieten kann, hängt sehr stark von dieser Funktion ab. Darüber hinaus ist interessant, welche Wahrnehmungen Arbeitnehmer mit Zeitarbeit verbinden. Wird sie als belastend oder als bereichernd empfunden und von welchen Faktoren hängt dies ab? Und schließlich ist die Frage der Preisbildung interessant. Wenn Zeitarbeit für Unternehmen eine besondere Funktion erfüllt, welchen Aufschlag sind sie bereit dafür zu zahlen und wie viel davon kommt bei den Zeitarbeitnehmern an? Denken Sie, die Zeitarbeit könnte intensiver als bisher erforscht werden? Welche Voraussetzungen bräuchte es hierfür? Bachmann: Die Zeitarbeit könnte durchaus intensiver erforscht werden, um die verschiedenen Facetten dieser Arbeitsform bekannter zu machen, sowohl in der Wissenschaft, unter den direkt beteiligten Akteuren, in der Politik und in der Öffentlichkeit. Hierzu bedarf es einerseits eines ergebnisoffenen Erkenntnisinteresses der genannten Gruppen. Andererseits wäre Unterstützung der entsprechenden Forschung hilfreich. Die anstehende Evaluierung der Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes im Auftrag der Bundesregierung könnte hier eine wichtige Rolle spielen, wenn hierbei auf die notwendigen wissenschaftlichen Standards ausreichend Wert gelegt wird. Bellmann: Da die Branche, was die Anzahl der Betriebe angeht, vergleichsweise klein ist, sind nur einige Betriebe in repräsentativen Betriebserhebungen wie dem IAB- Betriebspanel oder der IAB-Stellenerhebung enthalten. Interessant wären deshalb zusätzliche Befragungen von betrieblichen Repräsentanten und auch von Betriebsräten, um ein umfassenderes empirisches Bild zu erhalten. Schneider: Zeitarbeit lässt sich mit den vorhandenen Datenquellen nur unzureichend analysieren. Da sie quantitativ nicht so hervortritt, sind die Fallzahlen in den üblichen repräsentativen Erhebungen zu gering, um differenzierte Analysen durchzuführen. In den Verwaltungsdaten der Bundesagentur für Arbeit ist Zeitarbeit nur unzureichend abgebildet. Der darin verwendete Branchencode lässt keine Unterscheidung zwischen Mitarbeitern, die mit der Vermittlung beschäftigt sind und Mitarbeitern, die entliehen werden zu. Ebenso wenig ist daraus ersichtlich, wie lange Entleihverhältnisse andauern und aus welchen Gründen sie beendet werden. Das alles ließe sich überwinden, wenn entsprechende Informationen bei den Zeitarbeitsunternehmen mit den Verwaltungsdaten bei der BA verknüpft würden. Eine entsprechende Datenbasis existiert aber bislang nicht. Prof. Dr. Hilmar Schneider | Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA)

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