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Z direkt! 04-2017

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Z direkt! Titelthema Titelthema Z direkt! Rekrutierungsprobleme „Aufträge ohne Ende – aber einfach keine Leute“ „Jetzt ist eben Kreativität gefragt“, zeigt sich Oliver Mongin, Koordinator Disposition beim iGZ-Mitglied BPS Dienstleistungsgesellschaft, kämpferisch. Der Bewerbermangel mache dem Saarbrücker Unternehmen zu schaffen. „Darum ziehen wir jetzt alle Register – und haben das Marketingbudget für Personalrekrutierung verdoppelt.“ Ein Schritt, der wegen des anhaltenden Fachkräftemangels unvermeidbar war. „Es gibt im Umkreis quasi keinen arbeitslosen Gabelstaplerfahrer oder Logistikfachangestellten mehr“, nennt Mongin Beispiele. Die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt würden sich umkehren. Mongin spricht inzwischen von einem Bewerbermarkt. Um die letzten potenziellen Mitarbeiter zu erreichen, hat das iGZ-Mitglied im vergangenen Sommer groß aufgefahren. „Großflächenplakate, Mitarbeiter-suchen-Mitarbeiter, Zeitungsanzeigen, Facebook, Netzwerkpflege“, zählt Mongin auf. „Wir haben einfach alles Mögliche ausprobiert.“ Besonders gut habe die Großflächenplakataktion gefruchtet. Dabei müsse man aber sehr genau im Blick behalten, wer die Zielgruppe sei und wie man diese am besten erreiche. Die Werbeagentur habe geraten, kurze, flotte Sprüche auf die Plakate zu drucken. Diese könne man dann im Vorbeifahren schnell lesen. „Allerdings“, wirft der Leiter der Disposition ein, „fährt unsere Zielgruppe gar nicht an den Plakaten vorbei. Viele unserer Mitarbeiter sind als Helfer eingesetzt. Sie haben oftmals gar kein Auto, sondern fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln.“ Entgegen der Idee der Werbeagentur entschied sich das iGZ-Mitglied daher für das Gegenteil: Plakate, die wie eine Zeitungsanzeige gestaltet sind. „Mit relativ viel Text, sodass alle wichtigen Informationen direkt ersichtlich sind.“ Die Plakate wurden hauptsächlich an Bushaltestellen aufgehängt. „Während der Wartezeit auf den Bus haben mögliche Bewerber genügend Zeit, alles zu lesen und sich gegebenenfalls Notizen zu machen“, ist sich der Personalexperte sicher. Viele Bewerber hätten sich in ihren Schreiben auf die Plakate bezogen. Seine Kollegin Michaela Grasserbauer-Boos, Leiterin Bewerbermanagement, vertiefte sich derweil in die Welt der sozialen Netzwerke. Gemeinsam mit der Agentur erstellte sie eine Facebook-Unternehmensseite, auf der fortan regelmäßig Stellenanzeigen publiziert wurden. „Die Resonanz darauf war sehr gut“, freut sich Grasserbauer-Boos. Das Unternehmen investierte etwa denselben Betrag in Facebook-Werbung wie in klassische Zeitungsanzeigen. „Die Streuverluste im Online-Bereich waren aber wesentlich geringer“, erläutert die Recruiting-Expertin. Wenn jemand auf die Anzeigen reagierte, waren dies zumeist auch sehr gute Kontakte. Auf der anderen Seite bedeute die Pflege des Facebook-Auftritts auch viel Arbeit. Gelegentlich habe sie sich mit negativen Äußerungen auseinandersetzen müssen. Die meisten Kritiker könne man mit sachlichen Argumenten einfangen. „Man muss aber schon immer ein Auge darauf haben“, rät Grasserbauer-Boos. Den größten Erfolg bei der Bewerbersuche brachte eine vergleichsweise kleine Aktion. „Wir haben Postkarten gedruckt, die wir den Lohnabrechnungen beilegen“, erzählt Mongin. „Darauf ermutigen wir Mitarbeiter, Bekannte anzusprechen, die auf Arbeitssuche sind.“ Mit wenig finanziellem wie personellem Aufwand konnte so eine große Wirkung erzielt werden. Kasimir Katsarov, Personal- und Vertriebsdisponent beim iGZ-Mitglied WPD Saar Personaldienstleistungen, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter-Kampagne sei auch im Saarlouiser Unternehmen sehr erfolgreich. Insgesamt zieht er aber eine nüchterne Bilanz. „Ich arbeite nun seit zehn Jahren in der Zeitarbeitsbranche“, berichtet er. „Es ist noch nie so schwierig gewesen wie im Moment, passendes Personal zu finden.“ Früher habe das Unternehmen bei kurzfristigen Rekrutierungsaufträgen immer mal wieder mit privaten Arbeitsvermittlern zusammengearbeitet. „Das klappt heute aber auch nicht mehr.“ Viele der privaten Arbeitsvermittler hätten sich inzwischen schon ganz aus der Region zurückgezogen, weil es einfach nicht genügend Bewerber gebe. Künftig möchte das Unternehmen verstärkt auf ältere Mitarbeiter setzen. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Ältere wesentlich zuverlässiger und pünktlicher sind, engagierter an die Arbeit gehen und häufig viel mehr Fachkenntnis besitzen“, berichtet Katsarov. „Eine Zeit lang haben wir versucht, Flüchtlinge zu integrieren. Das war aber leider nicht so einfach wie gedacht“, ergänzt seine Kollegin Silke Becker. Viele Flüchtlinge seien einfach zu schlecht auf den deutschen Arbeitsmarkt vorbereitet gewesen. Und auch die Sprachkenntnisse seien immer wieder ein Problem. „Selbst wenn die Flüchtlinge mit einer Bescheinigung über Basis-Sprachkenntnisse zu uns kommen, können wir uns oft nur schwer mit ihnen verständigen“, bedauert sie. Dann sei selbst ein Einsatz als Helfer nicht möglich. Die Mitarbeiter müssten ja zumindest die Sicherheitsbelehrung verstehen können. „Der Arbeitsmarkt ist leergefegt“, resümiert sie. „Wir haben zwar Aufträge ohne Ende – aber einfach keine Leute.“ Für Michaela Grasserbauer-Boos, Oliver Mongin, Silke Becker und Kasimir Katsarov (v.l.) wird die Rekrutierung neuer Mitarbeiter aufgrund des Fachkräftemangels zur immer größeren Herausforderung. Maren Letterhaus 16 17

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