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Z direkt! 02-2020

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14 TITELTHEMA RB: Die bisher ergriffenen Maßnahmen waren aus meiner Sicht alle sehr sinnvoll: Sowohl die schnelle Ausweitung des Kurzarbeitergeldes als auch die Zahlung von Soforthilfen an Unternehmen und selbständig Erwerbstätige haben einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, die wirtschaftlichen Nöte von Unternehmen und Personen zu verringern. Das beschlossene Konjunkturprogramm sollte zudem dazu beitragen, die Wirtschaft wieder rasch in Schwung zu bringen. Besonders wichtig erscheint mir, MH: Die Öffnung der Zeitarbeitsbranche für das Kurzarbeitergeld verleiht den Zeitarbeitsunternehmen die Möglichkeit, flexibler mit der Krise umzugehen. Gerade Zeitarbeitnehmer sind in den Betrieben in Krisenzeiten meist die ersten, denen eine Beendigung des Arbeitsverhältnisses droht. Auf die Verleihfirmen kommt dann zeitgleich eine große Menge an „Rückkehrern“ zu. Da die Zeitarbeiter und damit die Zeitarbeitsunternehmen also mit die ersten sind, die die Auswirkungen der Krise zu spüren bekommen, ist es nur sinnvoll, dass die Zeitarbeitsbranche auch seit Beginn der Krise auf Kurzarbeit zurückgreifen kann. Das eingeführte Kurzarbeitergeld kann den Zeitarbeitsunternehmen also helfen, Mitarbeiter zu halten und die Firmen zu entlasten. RB: Wie erwähnt ist das Kurzarbeitergeld ein bewährtes Mittel zur Überwindung einer Wirtschaftskrise. Auch der schnellere Zugang für die Zeitarbeit erscheint mir sehr sinnvoll, da die derzeitige Krise deutlich tiefer ist als andere Krisen, sogar die von 2008/2009. Wird sich die Zeitarbeitsbranche durch die Coronakrise verändern? Wenn ja, wie? »Bei einem Rückgang der internationalen Arbeitsteilung könnte die Zeitarbeit eine wichtige Rolle bei der Versorgung mit Arbeitskräften spielen.« Ronald Bachmann dass wir die Überwindung der Wirtschaftskrise nicht zu kurzfristig und zu isoliert betrachten. Daher sollten die getroffenen Maßnahmen auch zur längerfristigen Entwicklung der Wirtschaft beitragen, insbesondere zu deren umweltverträglichem Umbau, was im Konjunkturpaket zumindest teilweise gelungen ist. Die Regierung nutzt als eines der Instrumente in dieser Krise das Kurzarbeitergeld. Es wurde diesmal deutlich schneller für die Zeitarbeit geöffnet als in der Finanzkrise. Kann dies aus Ihrer Sicht eine entscheidende Rolle spielen? MH: Das Konzept der Zeitarbeit erweist sich grundsätzlich auch in der Krise als zielführend und attraktiv, wenn beispielsweise im Gastronomiebereich, Unternehmen Arbeitnehmer an andere („systemrelevante“) Unternehmen verleihen können – ohne im eigentlichen Sinne Zeitarbeitsunternehmen zu sein. Die Idee findet spontan Anklang. Das sollte die Branche beleben“ RB: Ich könnte mir vorstellen, dass die Globalisierung zukünftig kritischer gesehen wird, und sich zu beobachtende protektionistische Tendenzen noch verstärken. Sollte dies zu einem Rückgang der internationalen Arbeitsteilung führen, werden sich einige wirtschaftliche Aktivitäten wieder nach Deutschland bzw. Europa verlagern. In diesem Fall kann die Zeitarbeit eine wichtige Rolle bei der Versorgung dieser Branchen mit Arbeitskräften spielen. Was sollten Unternehmen, Gesellschaft und Politik jetzt schon tun, um sich auf die Zeit nach der Krise vorzubereiten? MH: Für Unternehmen und Gesellschaft kann die Krise einen Digitalisierungsschub mit sich bringen, der über die Nutzung von Videokonferenzen hinausgeht. Von der Politik könnten dazu wichtige Impulse im Rahmen einer Investitionsoffensive ausgehen. Wie bereits an an-

Z direkt! 02/2020 TITELTHEMA 15 derer Stelle gefordert, braucht Deutschland ein Wachstumsprogramm, mit dem kritische und nachholbedürftige Themen wie Dekarbonisierung, Digitalisierung und Investitionen in das Bildungssystem adressiert werden. Durch solche Infrastrukturinvestitionen würden Rahmenbedingungen geschaffen, die das Vertrauen der Wirtschaftsakteure nachhaltig stärken und somit auch private Investitionen ankurbeln RB: Hier sollte das Hauptaugenmerk auf der Vermeidung einer größeren zweiten Welle liegen. Der Lockdown war trotz seiner negativen Auswirkungen richtig, da hierdurch schlimmere gesundheitliche Folgen vermieden wurden. Jetzt wissen wir aber deutlich mehr über die Krankheit und ihre Verbreitung. Daher sollten die Anstrengungen darauf gerichtet werden, wie man eine zweite Welle vermeiden kann, ohne die negativen Auswirkungen eines Lockdowns eingehen zu müssen. Welche positiven Aspekte können Sie der Coronakrise abgewinnen? Welche Entwicklungen und Errungenschaften aus der Krise werden auch in Zukunft Bestand haben – zum Beispiel im Bereich Digitalisierung oder bei den Arbeitsformen? MH: Der Megatrend der technologiegetriebenen Digitalisierung wird sich durch die Krise wahrscheinlich beschleunigen. Die Coronakrise hat die Akzeptanz für digitale Technologien stark erhöht und gleichzeitig die Bedeutung von technologiegetriebenen Innovationen verdeutlicht. Es besteht die Hoffnung, dass sich dies auch in einer entsprechenden Innovationsfreudigkeit niederschlägt. Zumindest aber sind durch die Coronakrise die Handlungsbedarfe noch deutlicher zu Tage getreten. Deutschland hat viele Stellen, an denen man für die Digitalisierung ansetzen kann und müsste. Natürlich fällt dort vielen zuerst die Arbeit ein, die sich in den digitalen Raum verlagert, aber auch für das Forschungs- und Innovationssystem, die Bildung und die öffentliche Verwaltung birgt die Digitalisierung enorme Potenziale. Digitale Infrastrukturen sind zusammen mit Invention und Innovation starke ‚Enabler‘ für zukünftiges Wachstum. RB: In der Krise wurde enorm viel von zu Hause aus gearbeitet, wodurch interessante Erfahrungen gewonnen wurden: Manche Tätigkeiten, insbesondere das konzentrierte Arbeiten an einem bestimmten Thema, können zu Hause sogar besser funktionieren als im Büro. Entsprechend können Arbeitnehmer*innen Freiräume gewinnen, Pendelzeiten einsparen, und die Arbeitsqualität kann ansteigen. Die Digitalisierung spielt hier eine entscheidende Rolle, z.B. zur Abstimmung mit Kolleg*innen oder dem Zugang zu Ressourcen im Büro. Hier wurde viel investiert und gelernt, sodass vieles davon auch nach der Krise Bestand haben wird. Wann werden wir die Krise Ihrer Einschätzung nach vollständig überwunden haben? MH: Wir rechnen momentan mit einem rechtsflachen V-Verlauf des Bruttoinlandsprodukts. Das heißt, dass die Wirtschaft quasi vom einen auf den anderen Tag stark einbricht, dann aber nach Durchschreiten der Talsohle länger braucht, um sich zu erholen. In unserer aktuellen IW-Konjunkturprognose gehen wir davon aus, dass der Vorkrisenstand des BIP voraussichtlich im 3. bis 4. Quartal 2021 wieder erreicht sein wird. Ein entsprechender Zeitraum ergibt sich auch in den IW-Befragungen deutscher Unternehmen. RB: Die Antwort auf diese Frage steht und fällt mit der Frage, wie gut eine zweite Krankheitswelle vermieden werden kann, daher ist es so wichtig, dass die Politik in Deutschland aus den vorliegenden Erfahrungen lernt und entsprechende Vorbereitungsmaßnahmen trifft. Fast genauso wichtig ist eine gute internationale Zusammenarbeit, sowohl im Gesundheitsbereich als auch in wirtschaftlichen Belangen. Gelingen diese Dinge, bin ich optimistisch, dass wir die Krise bis Jahresende überwunden haben werden. SaS Die Interviews in voller Länge gibt’s hier: ig-zeitarbeit.de/presse/artikel/ wirtschaft-im-kuenstlichen-koma Michael Hüther ist seit 2004 Direktor und Mitglied des Präsidiums des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Außerdem ist er Mitglied der Refit-Plattform der EU-Kommission, Kurator des Max-Planck- Instituts für Gesellschaftsforschung und der Stiftung der Deutschen Wirtschaft und Ständiger Gast im Präsidium der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Ronald Bachmann ist seit 2007 im Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen tätig und leitet den Kompetenzbereich "Arbeitsmärkte, Bildung, Bevölkerung". Seine Forschungsinteressen sind Arbeitsmarktdynamiken, die Evaluation von Arbeitsmarktmaßnahmen und europäische Arbeitsmärkte. Er ist zudem Professor am Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE) der Heinrich-Heine- Universität Düsseldorf.

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