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Zdirekt! 03-2019

14 TITELTHEMA Interview

14 TITELTHEMA Interview Betroffenen Brücken bauen mit Zeitarbeit Seit Mai 2019 kooperiert der Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (iGZ) unter dem Motto „Lesen lernen mit Zeitarbeit“ mit den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung (BVAG) und dem Spaß am Lesen Verlag. Zdirekt- Chefredakteur Wolfram Linke sprach mit dem Geschäftsführer des BVAG, Ralf Häder, über Voraussetzungen, Gründe, Formen der Zusammenarbeit und gemeinsame Ziele der Kooperation. 12,1 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung in Deutschland sind funktionale Analphabeten. Was bedeutet das konkret für die Betroffenen? Das klingt erst einmal nach einer großen Gruppe der Bevölkerung, die sich allerdings nicht unter einem einzigen Aspekt zusammenfassen lassen. Es gilt, die Fakten objektiv und subjektiv zu erfassen. Unter den Betroffenen sind sehr viele, die ganz normal durchs Leben kommen. 67 Prozent haben eine Arbeit und 54 Prozent sind verheiratet. Das entspricht dem allgemeinen Trend. Subjektiv betrachtet stellt die Lese- und Rechtschreibschwäche jedoch oft ein riesiges Problem dar. Es müssen zahlreiche Hürden im Alltag, also im Umgang mit anderen Menschen und im Job bewältigt werden. Der Restaurantbesuch wird beispielsweise vermieden, weil das Lesen der Karte zum unüberwindlichen Hindernis wird. Warum ist diese Lese- und Rechtschreibschwäche in der Gesellschaft noch immer derart stigmatisiert? So paradox es klingt, das hängt auch mit unserem guten Bildungssystem zusammen. Wir haben eine allgemeine Schulpflicht und das Erlernen des Lesens und der Rechtschreibung wird quasi vorausgesetzt. Wer eine Schwäche hat, wird oft nicht für voll genommen. Die Betroffenen nehmen das Defizit dann als persönliche Schwäche wahr, weil Gesellschaft oder Schule nicht schuld sein können. Wie zum Beispiel bei einer Scheidung fühlt sich das Kind dann verantwortlich. Existieren denn Erkenntnisse über die Ursachen der Lese- und Rechtschreibschwäche? Ganz häufig ist es so, dass Lesen und Schreiben schon bei den Eltern keinen Wert hatte. In den Elternhäusern herrscht der Standpunkt, Goethe und Schiller waren die Schöpfer von Wort und Schrift, nicht aber der normale Durchschnittsbürger. Ein Vorlesen von Büchern oder gemeinsames Schmökern findet nicht statt. Mit diesem Manko starten die Kinder dann in der Grundschule, wo sie auf Kinder mit einem anderen Status treffen. Schnell bekommen die Betroffenen dann einen ,Dumm-Stempel´ verpasst. Leider liegt der Fokus im Schulsystem und auch bei den Pädagogen eher auf der Förderung Begabter als auf der individuellen Begleitung bei Defiziten. Erklärtes Ziel ist ja mittlerweile in erster Linie das Abitur. Welche Ziele verfolgt der Bundesverband Alphabetisierung seit wann? Der funktionale Analphabetismus wurde erst in den 70er Jahren bekannt – die Lese- und Rechtschreibschwäche galt vorher in Deutschland als ausgestorben. Daraus entstand die Idee des Alphabetisierungsverbandes, der das Thema nun seit mehr als 35 Jahren öffentlich macht und sich für die Hilfe Betroffener einsetzt. Es galt auch, sich für diese Interessen gegenüber Politik und Gesellschaft einzusetzen.

Z direkt! 03/2019 TITELTHEMA 15 Was bietet der Bundesverband Alphabetisierung Betroffenen zur Hilfe an? Ralf Häder | Geschäftsführer des Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung (BVAG) Sehr früh entstand das ALFA-Telefon, das Betroffenen Rat und Hilfe bietet. Außerdem haben wir zwei ALFA- Mobile, die mit Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung durch Deutschland fahren. Bei öffentlichen Veranstaltungen, Ärztekongressen und Apothekertagen und hoffentlich auch demnächst bei Tagungen und Messen der Zeitarbeit, bauen wir es vor Ort auf, um mit Medizinern, Apothekern, Arbeitgebern, Angehörigen, Eltern, und Lehrern über die Thematik ins Gespräch zu kommen. Für uns sind sie ,Brückenköpfe´ zu den Betroffenen. Im vergangenen Jahr hatten wir 180 Aktionen mit dem ALFA-Mobil. Mit iCHANCE haben wir zudem ein Angebot speziell für Jugendliche geschaffen. Unter dem Motto „Besser lesen, besser schreiben!“ informiert und motiviert die Kampagne iCHANCE junge Erwachsene mit Lese- und Schreibschwierigkeiten und deren Umfeld. Mit vielen großen und kleinen Aktionen machen wir in den jugendaffinen Social Media – Instagram, Facebook, YouTube – und der aufklärenden Homepage auf den funktionalen Analphabetismus aufmerksam. Wir sind zusätzlich regelmäßig bei den Mangatagen der Leipziger Buchmesse sowie der Comic- und der You-Messe in Berlin vertreten. Unter der Überschrift ,Wissen, Erkennen, Helfen´ möchten wir die Jugendlichen möglichst frühzeitig erreichen. Existiert eine Bilanz der bisherigen Arbeit bzw. wie vielen Menschen konnte bislang geholfen werden? Rund 30.000 Betroffene sind in den Lernkursen aktiv. Das ist allerdings mit Blick auf rund 6,2 Millionen Menschen mit Problemen eine recht geringe Zahl. Über das ALFA-Telefon haben wir rund 1.600 Kontakte im Jahr. Nahezu 50 Prozent der Anrufe kommen von Mitwissenden, also zum Beispiel Arbeitgebern, Angehörigen und Ärzten. Die Leitung wird dabei sowohl als Sorgentelefon als auch Infohotline genutzt. Uns offenbaren sich in den Gesprächen sehr viele Leidensgeschichten aber auch Erfolgsmeldungen, da viele Betroffene Kompetenzen besitzen, die sich in anderen Kontexten offenbaren.

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