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Zdirekt! 01-2020

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36 DIGITAL Revolution

36 DIGITAL Revolution oder Evolution? Digitalisierung ist eines DER Themen unserer Zeit. Firmen verkaufen ihre Produkte mithilfe von Chatbots, die Wohnung wird zum „Smarthome“ mit vernetzten Geräten und einer Heizung, die aus der Ferne reguliert werden kann, und unsere Kommunikation läuft zunehmend online über Messenger-Dienste – die digitale Transformation ist im vollem Gang! Aber was bedeutet sie für das Geschäft der Personaldienstleister? Zdirekt! hat darüber mit Oliver Stettes, dem Leiter des Kompetenzfelds Arbeitsmarkt und Arbeitswelt im Institut der deutschen Wirtschaft, gesprochen. Dr. Oliver Stettes Die Digitalisierung ist nicht die erste Revolution unserer Arbeitswelt. Worin unterscheidet sich diese von denjenigen nach der Erfindung der Dampfmaschine oder des Fließbandes? Wir werden erst im Nachgang feststellen, ob wir eine Revolution oder eine Evolution der Arbeitswelt erlebt haben. Für mich als einzelner Beschäftigter ist diese Frage aber eigentlich egal. Mich interessiert, was sich für mich verändert, in welcher Geschwindigkeit und mit welchen Konsequenzen – unabhängig davon, ob jemand heute oder in Zukunft die vierte industrielle Revolution verkündet oder nicht. Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist ein Megatrend und das Schlagwort wird viel diskutiert. Können Sie trotz der Breite der Diskussion den Kern der Digitalisierung der Arbeitswelt in einem Satz beschreiben? Im Zuge der Digitalisierung verändern sich Geschäftsmodelle, Prozesse und Organisationen sowie Tätigkeiten mit den entsprechenden Konsequenzen für Beschäftigungsperspektiven und -bedingungen. Wir alle fragen uns natürlich: Wird die Digitalisierung mir als Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer dauerhaft nützen oder schaden? Lehnen Sie sich in dieser Diskussion doch mal aus dem Fenster und prognostizieren, ob durch die Digitalisierung mehr Jobs entstehen oder wegfallen. Da wir derzeit allgemein noch keine negativen Beschäftigungseffekte beobachten, bin ich zuversichtlich, dass wir in Zukunft eine ausreichend hohe Nachfrage nach Arbeit haben werden. Natürlich werden hier und da Menschen wie früher – zum Beispiel der berühmte Heizer auf der Lokomotive – aufgrund der konkreten Veränderungen im eigenen Umfeld ihren Arbeitsplatz verlieren. Entscheidend sind die Fragen, wie es jemandem gelingt, in einem solchen Fall sich neu zu orientieren, und welche Unterstützung sie oder er hierfür benötigt. Viele werden die Digitalisierung aber vorrangig durch Veränderungen der Aufgaben in ihrer derzeitigen beruflichen Tätigkeit wahrnehmen.

Z direkt! 01/2020 DIGITAL 37 Jenseits der Frage des Wegfalls von Jobs oder auch Berufsbildern: Wie werden sich die bestehenden verändern? Ist es möglich, dass wir Fachkräftemangel und hohe Arbeitslosigkeit parallel erleben werden, weil eine Gruppe von Menschen die Anforderungen an neue Berufsbilder nicht erfüllen kann? Fachkräfteengpässe beobachten wir derzeit ja an vielen Stellen. Strukturell wird sich daran aufgrund der demographischen Entwicklung auch nichts ändern – selbst vor dem Hintergrund der derzeitigen konjunkturellen Eintrübung und der Unsicherheit in mehreren Branchen, welche Richtung der Strukturwandel einschlägt. Ob wir gleichzeitig auch eine hohe Arbeitslosigkeit erleben, hängt von der Geschwindigkeit der Veränderungen, die einen Arbeitsplatzabbau auslösen, und der Anpassungsflexibilität im Arbeitsmarkt ab. Letztere entscheidet, wie schnell der Sprung in eine andere Beschäftigung gelingt. Wie umwälzend werden die Veränderungen durch Künstliche Intelligenz und technische Möglichkeiten der Zukunft, wie dem Quantencomputer, sein? Kann man sich darüber heute überhaupt ein halbwegs realistisches Bild machen? Konkret: Ist es vorstellbar, dass die Dinge, von denen wir heute glauben, dass sie nie durch eine KI erledigt werden können, wie z.B. der „Faktor Mensch“ in der Personalvermittlung, doch durch solche Systeme übernommen werden? Vorstellbar ist Vieles. Ob nun zum Beispiel eine vollautomatisierte Personalvermittlung in der Zeitarbeit am Ende auch wirtschaftlich sinnvoll (bzw. rechtlich möglich) ist, bleibt noch eine offene Frage. Vielleicht scheitert diese extreme Zukunftsvision schlicht daran, dass die Kunden von Zeitarbeitsunternehmen, aber auch die Zeitarbeitskräfte selber, gerne noch mit einem Menschen als Disponenten zu tun haben wollen. Dann würde der Technikeinsatz schlicht an der fehlenden Akzeptanz auf allen Seiten scheitern. Wie müssen wir die veränderte Berufswelt organisieren? Welche grundlegenden Instrumente, wie etwa Tarifverträge, Regelungen zu Arbeitszeiten, das Sozialversicherungssystem oder auch die organisierte Berufsvertretung werden in Zukunft noch greifen? Und welche nicht mehr? Da wir keinen Rückzug des sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisses beobachten können, bleibt die Funktionsfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme gleichermaßen erhalten wie ihr derzeitiger Reformbedarf, zum Beispiel aufgrund der demografischen Entwicklung. Da hat die Digitalisierung zunächst keinen besonderen Einfluss. Und ob zum Beispiel die Tarifparteien in Zukunft noch die Wirkmacht haben, hängt zum einen davon ab, ob sie gemeinsam ihrer Verantwortung gerecht werden, überzeugende tarifpolitische Lösungen für die komplexe, differenzierte Realität einer mehr oder weniger stark digitalisierten Wirtschaft anzubieten. Wenn dies gelingt, werden sie ihre jetzigen Mitglieder binden und neue hinzugewinnen können. Zum anderen hängt die Wirkmacht der Tarifparteien aber auch davon ab, ob die Politik bzw. der Gesetzgeber ihnen hierfür auch den erforderlichen Gestaltungsspielraum lässt. Die Novellierung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes ist ein Signal unter mehreren gewesen, dass Letzteres zuletzt nicht immer beachtet wurde. MS / BT Dr. Oliver Stettes Leiter des Kompetenzfelds Arbeitsmarkt und Arbeitswelt im Institut der deutschen Wirtschaft www.iwkoeln.de

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