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Zdirekt! 01-2020

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30 NACHGEFRAGT

30 NACHGEFRAGT Tarifabschluss Schmerzhaft, aber noch erträglich Sven Kramer Seit Mitte Dezember steht fest: Es gibt mehr Geld für die Zeitarbeitnehmer in Deutschland. Denn der neue Tarifvertrag, auf den sich die Tarifgemeinschaft Leiharbeit des Deutschen Gewerkschaftsbundes und die Verhandlungsgemeinschaft Zeitarbeit geeinigt haben, sieht im Westen drei Erhöhungsstufen vor: Die Tarifentgelte in der Zeitarbeit steigen im Westen in drei Schritten – zum 1. April 2020 um 1,9 Prozent, zum 1. April 2021 um weitere 3,0 Prozent und zum 1. April 2022 um 4,1 Prozent. Im Osten erhöhen sich die Entgelte zum 1. April 2020 um 2,31 Prozent in der Entgeltstufe 1 und 3 Prozent in allen weiteren Entgeltgruppen. Sven Kramer, stellvertretender iGZ-Bundesvorsitzender, ordnet die Ergebnisse im Interview mit Zdirekt! ein. Es war eine Rekordsitzung, die schließlich zur Tarifeinigung führte. Mehr als 24 Stunden wurde in der Zeitarbeit noch nie am Stück verhandelt. Was hat die Verhandlungen diesmal so kompliziert gemacht? Wir wurden diesmal mit einer sehr komplizierten Gemengelage konfrontiert. Zumindest im industriellen Bereich befand sich die Zeitarbeit schon zu Beginn des Jahres 2019 im Krisenmodus. Als wir Mitte des Jahres mit der Forderung der DGB-Gewerkschaften von 8,5 Prozent bei einer Laufzeit von nur einem Jahr erfahren haben, hat uns das schon erschrocken. Und diese enorme Entgeltforderung war ja nicht alles! Zusätzlich wurden Änderungen im Manteltarifvertrag gefordert. 30 Tage Urlaub und ein 13. Gehalt sollten es sein. Insofern war die Verhandlungsmasse viel größer. Uns war wichtig, dass wir aufgrund der komplexen Marktsituation in 2020 eine moderate Entgelterhöhung erreichen. Außerdem wollten wir substanzielle Verbesserungen beim Arbeitszeitkonto durchsetzen und darüber hinaus die Höhergruppierungsautomatik von der EG 3 in die EG 4 nach einem Jahr abschaffen. Bei den Verhandlungen ist es immer ein Geben und Nehmen. Es ist wie beim Jonglieren: Je mehr Bälle man in der Luft halten muss, desto größer ist die Herausforderung. Und das brauchte dann eben diese lange Zeit. Nehmen Sie uns doch einmal mit in die Psychologie der Tarifverhandlungen. Gibt es diese taktischen Elemente, von denen man immer wieder hört, tatsächlich? Ja, natürlich. Wenn man 24 Stunden am Stück verhandelt und konzentriert sein muss, gibt es immer Momente, in denen die Gegenseite das versucht auszunutzen. Es gibt in jeder Verhandlung den Punkt, an dem es zu scheitern droht. Das ist eine wiederkehrende Choreografie. Wenn man die kennt, kann man gut damit umgehen. Man darf ja nicht vergessen: Für die Vertreter der Gewerkschaften gehört das Führen von Tarifverhandlungen zum Hauptberuf. Das können die wirklich gut. Aber ich glaube, wir haben auch dieses Mal wieder gut dagegen gehalten. Worin unterscheidet sich denn eine Tarifrunde, in der es „nur“ ums Geld geht, von einer Tarifrunde wie diesmal, in der auch inhaltliche Fragen verhandelt wurden? Naja, wenn man so wie dieses Mal das Arbeitszeitkonto ganz neu aufsetzt, dann muss man sich im Vorfeld schon sehr intensiv Gedanken machen, Szenarien durchspielen, Eventualitäten einplanen, Meinungen einholen und so weiter. Es ist ja nicht so, dass diese

Z direkt! 01/2020 NACHGEFRAGT 31 Dinge nicht intensiv vorbesprochen werden – in unserer Tarifkommission, in der Verhandlungsgemeinschaft und im Bundesvorstand. Die Arbeit in den Verhandlungen selbst ist dann jeweils nur der sichtbare Endpunkt aufwändiger Vorbereitungen. Bei den Entgelten wird es verschiedene Erhöhungsstufen geben. Die höchste steht am Schluss. Warum ist das so? Uns ist es gelungen die Entgeltforderung der Gewerkschaften auf drei Jahre zu strecken. Damit war klar, dass wir mehrere Erhöhungsschritte brauchen. Uns war wichtig, dass in 2020 die geringste Belastung auf die Unternehmen zukommt. Dieses Jahr ist von der Krise und den Auswirkungen der AÜG-Reform geprägt. Das belastet uns alle. Verbunden mit der Tarifeinigung ist natürlich auch die Hoffnung auf konjunkturelle Besserung ab dem kommenden Jahr. Der Osten hat – bis zur Angleichung der Löhne an den Westen – höhere Anpassungsschritte zu verkraften. Auch wenn das mathematisch logisch ist: Hätte man das nicht abmildern können? Ich wüsste nicht, wie das hätte geschehen sollen. Die Gewerkschaften waren zu keinem Zeitpunkt bereit, die vor vier Jahren getroffene Vereinbarung zur Lohnangleichung weiter in die Zeit zu schieben. Und damit war klar: Der Osten musste neben der für den Westen vereinbarten Lohnerhöhung binnen zwölf Monaten zusätzlich auch die Ost-West-Lücke schließen. Damit das nicht auf einen großen Schwung passieren musste, haben wir für Oktober 2020 eine Zwischenstufe eingeschoben. So sehr ich die Sorgen aus den ostdeutschen Bundesländern ob der Steigerung nachvollziehen kann – dass sie kommen würde war nun auch seit vier Jahren bekannt und absehbar. Beim Arbeitszeitkonto gibt es scheinbar die größten inhaltlichen Neuerungen. Wo liegen die Vorteile für die iGZ-Mitglieder bei dieser neuen Regelung? Wir haben nun ein Jahresarbeitszeitkonto vereinbart, das eine Saldierung der Einsatzzeiten zwischen 150 Plus- und 105 Minusstunden ermöglicht. Einmal im Jahr muss das Konto auf null gesetzt werden, aber dazu gibt es auch komfortable Ausnahmeregelungen. Zudem haben wir nun festgeschrieben, dass wir das Arbeitszeitkonto mit beiden Arbeitszeitmodellen, also der individuellen regelmäßigen monatlichen, die 151,67 Stunden beträgt, oder der individuellen Arbeitszeit pro Monat, die sich an den tatsächlichen Arbeitstagen orientiert, nutzen können. Was wir – Stichwort „geben und nehmen“ dafür verloren haben ist das monatliche zweitägige Verfügungsrecht in verleihfreien Zeiten. Dazu hat uns aber ohnehin die aktualisierte Rechtsprechung des BAG gezwungen. Bei der Jahressonderzahlung gibt es die Regelung, nach der Gewerkschaftsmitglieder einen höheren Anspruch erhalten. Was steckt dahinter? Das war eine Forderung, die den Gewerkschaften sehr viel wert war. Oder anders ausgedrückt: Hätten wir dieser Sonderregelung für Gewerkschaftsmitglieder nicht zugestimmt, wäre das an anderer Stelle sehr, sehr teuer für uns geworden. Das war eine der Abwägungsfragen, die man dann zwischen drei und fünf Uhr nachts zu Anzeige #ESISTZEIT ... damit Sie mehr Zeit für die schönen Dinge im Leben haben! € € E+S Zeit € E+S LuG E+S Info-App E+S Zeit - ist die intelligente Branchenlösung für alle Personaldienstleister. Von der Akquise bis zur tarifgerechten Bruttolohnermittlung. E+S LuG - vereint alle tariflichen und gesetzlichen Abrechnungsformen branchenübergreifend. Abrechnung leicht gemacht! E+S Info-App - mit der App sind Sie zu jederzeit auskunftsfähig und überblicken Ihre Kunden- und Personaldaten einfach von unterwegs. www.es-software.de

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