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Z direkt! Ausgabe 1/2005

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| 8 Gastvortrag NUR

| 8 Gastvortrag NUR FLEXIBILITÄT LÖST STRUKTURPROBLEME Lothar Späth fordert mehr Mut zum Risiko Der iGZ-Bundesvorsitzende Bert Dijkhuizen (r.) dankt dem Gastredner mit einem symbolischen Geschenk: Zeitarbeit könne, darin ist sich Lothar Späth mit den iGZ- Unternehmern einig, durchaus als Rettungsring für den Arbeitsmarkt funktionieren. „Deutschland befindet sich in einem Zustand melancholischer Kapitulation vor der Wirklichkeit.“ Diese Ansicht vertritt Lothar Späth, profilierter Politiker und Wirtschaftsexperte. Als Gastredner beim Kölner iGZ-Bundeskongress lenkt der Aufsichtsratsvorsitzende der Jenoptik AG und ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg den Blick zu den Nachbarn und in die Welt. Während in anderen Staaten die Lösung von Problemen auch einmal versuchsweise angegangen würde, herrsche in Deutschland die Meinung vor: „Solange nicht sichergestellt ist, dass alle denkbaren Probleme nicht eintreten werden, können wir uns nicht dazu entschließen.“ Lothar Späth führt als Beispiel hierfür die Lockerung des Kündigungsschutzes für ältere, zuvor arbeitslose Arbeitnehmer an. Z direkt!

9 | Gastvortrag „BEI DER GLOBALISIERUNG IST EIN GROSSTEIL DER BEVÖLKERUNG INKONSEQUENT.“ Er betont, dass es in Europa bessere Wirtschaftsmodelle gebe, als das Deutsche. Die Globalisierung müsse als Grundlage der wirtschaftlichen Aktivitäten verstanden werden und nicht als etwas, das es zu bekämpfen gilt. Hierbei würden nur unnötig Kräfte verschwendet. Späth: „Wenn die Welt ein Marktplatz ist, dann gibt es auch einen Weltbinnenmarkt. Das erste, wovon wir uns verabschieden müssen, ist der Glaube, wir könnten in Europa ein neues Bollwerk gegen die Globalisierung schaffen. Das ist so ähnlich, wie wenn Sie im Internet die deutsche Grenze aufrufen wollen.“ Gerade in dieser Frage bezeichnet Späth einen Großteil der Bevölkerung „als zumindest gedanklich inkonsequent“. Die Menschen seien zwar einerseits Globalisten im Einkauf („Wenn wir im Winter Erdbeeren kaufen, haben wir nur eine sehr geringe Chance, dass die aus Deutschland kommen.“), lehnten aber in der Breite gefühlsmäßig die Globalisierung als solche wieder ab. Lothar Späth wagt die optimistische Prognose, dass es „in zehn Jahren den Beruf des Zöllners nicht mehr geben wird“ und sagt voraus, dass diejenigen Staaten am besten mit der Globalisierung zurecht kämen, die schon immer flexibel, handels- und dienstleistungsbezogen arbeiten mussten. Dazu gehöre Deutschland, das eine Geschichte von großen Fähigkeiten im engineering und im produzierenden Bereich vorzuweisen hätte, jedoch nicht. Späth thematisiert das Strukturproblem: „Siemens hat mittlerweile mehr Mitarbeiter im Ausland, als im Inland. Irgendwann wird man sagen: Den deutschen Unternehmen geht es hervorragend, der deutschen Wirtschaft aber schlecht.“ All denen, die sich von der Senkung der Lohnnebenkosten ein Allheilmittel für die deutsche Wirtschaft versprechen, hält Lothar Späth in Köln entgegen: „Interessanter Vorschlag. Ich bin auch dafür, nur weiß ich nicht wie’s geht.“ „SIE KÖNNEN DEUTSCHLAND NICHT ZUM NIEDRIGLOHN- LAND MACHEN.“ Schließlich gebe es mit den Renten- und Krankenkassen zwei wesentliche Kostenfaktoren bei den Lohnnebenkosten – mit eher steigender als fallender Tendenz. Und so stellt der iGZ- Gastredner Späth gleich zwei rhetorische Fragen. Einerseits: „Sieben Jahrgänge ohne Deckung mehr in der Rentenkasse als bei ihrer Anlage – wie will man denn da sparen?“ Andererseits: „Wie sollen in einer Gesellschaft, in der sich die Zahl der 80jährigen verdreifacht und der 18jährigen halbiert die Gesundheitskosten sinken?“ Seine Forderung lautet daher: Verlängerung der Lebensarbeitszeit. „30 Jahre Ausbildung, 30 Jahre Rente und dazwischen 25 Jahre arbeiten – das kann auf Dauer nicht funktionieren“, macht der Jenoptik-Manager deutlich. Er selbst sei gerade 68 Jahre alt geworden, arbeite immer noch und: „Es geht – ich wollt’s einfach nur mal ausprobieren, aber es geht!“ Lothar Späth fordert für die Zukunft noch mehr Unternehmer: „Wenn wir nicht die Zahl der Unternehmer in Deutschland verdoppeln und die Zahl der in der Verwaltung Tätigen halbieren“, entstünde ein weiteres demografisches Problem: „Wenn alle Jahrgänge abnehmen, aus denen heute die Unternehmensgründungen erfolgen – die 25- bis 35jährigen, nicht die 60- bis 70jährigen – brauchen wir allein 30 Prozent mehr Unternehmer, um deren durchschnittlichen Anteil zu erhalten.“ „DER DEUTSCHE BEDIENT LIEBER EINE MASCHINE ALS SEINEN NACHBARN.“ Dienstleistungen seien, erläutert Späth, deutlich weniger von der Globalisierung betroffen, als etwa der Waren- und Güterverkehr: „Die Zahl der Kölner, die sich in New York die Haare schneiden lassen, wird sich immer in Grenzen halten – obwohl die Friseurleistungen dort nur die Hälfte kosten.“ Z direkt!

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