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Z direkt! 03-2020

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30 PRO & CONTRA Peter

30 PRO & CONTRA Peter Kossen PK: Das mag sein. Das hat sich in der Fleischindustrie offenbar gemischt und ist sehr unübersichtlich geworden – für alle Seiten, auch für die Staatsanwaltschaft und Arbeitgeberverbände. Da wird vielleicht auch übersehen, wie hoch der Anteil der schwarzen Schafe ist und mit wie viel krimineller Energie dort vorgegangen wird. Man musste meiner Meinung nach in den vergangenen Jahren den Eindruck bekommen, dass da ganz viel Wildwuchs entstanden ist. Ich habe das auch mit der Zeit verstanden, dass es Unterschiede zwischen den Formen Werkvertrag und Zeitarbeit gibt und wofür die Zeitarbeit gut ist. Ich hatte auch in einer meiner Gemeinden eine Zeit lang Zeitarbeitskräfte, Sachbearbeiterinnen, die wir nur über die Zeitarbeit bekommen konnten. Ich weiß, dass das nicht das Modell des Teufels ist! Zur Flexibilisierung der Wirtschaft ist die Zeitarbeit durchaus sinnvoll und hat sich bewährt. Meine Sorge ist aber, dass die Fleischindustrie so verseucht ist, dass sie mit normalen Mitteln und Kontrolle nicht zu regulieren ist. Da bewegen sich zu viele unter dem Radar der Rechtsstaatlichkeit und haben zu große Macht angehäuft. Im Kreis Gütersloh soll es ja in Politik und Verwaltung quasi ein Sprechverbot zu Tönnies gegeben haben. Ein Teil davon mag Gerücht sein, aber ich halte das durchaus Guido Alesius für realistisch. WS: Aber die Gegenfrage müsste dann lauten: Warum vertrauen Sie Fleischhersteller Tönnies mehr, wenn er direkt Mitarbeiter anstellt und nicht Werkverträge oder Zeitarbeit nutzt? Das verstehe ich einfach nicht! Und ja, es gibt schwarze Schafe. Aber deshalb alle über einen Kamm zu scheren, kann nicht richtig sein. Diese Misstrauenskultur halte ich für sehr schwierig. Verbrecher gehören bestraft, das ist klar. Aber ich sage ja auch nicht, nach den Fällen von sexuellem Missbrauch in der Kirche, die Kirche ist eine Verbrecherorganisation. Da würden Sie auch sagen, das ist aber harter Tobak. Pfarrer Peter Kossen ist seit drei Jahren leitender Seelsorger der katholischen Kirchen-Gemeinde Seliger Niels Stensen in Lengerich und gehört dem Priesterrat des Bistums Münster an. Zuvor arbeitete der studierte Theologe als Seelsorger unter anderem in Recklinghausen, Nordwalde, Münster und Emmerich und war Ständiger Vertreter des Bischöflich Münsterschen Offizials in Vechta, wo er auch zum Monsignore und Offizialatsrat benannt wurde. Im vergangenen Jahr gründete der 52-Jährige den Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“, der sich um die Rechte von Arbeitsmigranten kümmert. Pfarrer Kossen setzt sich seit Jahren gegen moderne Sklaverei und für faire und würdige Arbeitsbedingungen ein. Das Land Nordrhein-Westfalen würdigte seinen Einsatz im August mit der Verleihung des NRW-Verdienstordens.

Z direkt! 03/2020 PRO & CONTRA 31 PK: Puh … WS: Ja, aber das muss ich ja so sagen, sonst würde ich medial gar nicht wahrgenommen. Das habe ich von Ihnen gelernt: Wenn das Unrecht schrill ist, muss auch der Aufschrei schrill sein. Aber da sagen Sie doch bestimmt auch, alles hat eine Grenze. Gegen die Zeitarbeitsbranche nun ein Präventivverbot zu erteilen, nach dem Motto „Bisher hat es mit der Zeitarbeit keine Probleme geben, aber es könnten ja welche in Zukunft entstehen.“ – das ist schlichtweg unfair. Und dieses „es könnte ja sein“ ist juristisch natürlich nicht haltbar. Und wir waren ja schon mal in einem Bereich verboten ... PK: Wo denn? WS: Flüchtlinge. Erst 2015 wurde die Zeitarbeit auch für Flüchtlinge geöffnet und in den vergangenen fünf Jahren hat sich die Branche zum Integrationsmotor Nummer 1 entwickelt, wie die Zahlen der Bundesagentur für PK: Ich glaube, dass das ganze Problem einfach sehr schwer zu lösen ist. Ich nehme Ihnen ab, dass Sie und Ihr Verband nach hohen Standards arbeiten und sich selbstverpflichten. Aber im Alltag sehe ich viele Beispiele, wo das alles nicht funktioniert – jetzt nicht unbedingt in der Zeitarbeitsbranche. Aber unter dem Strich geraten hier viele Tausende von Arbeitsmigranten unter die Räder – wer auch immer letztendlich dafür verantwortlich ist. Das Problem ist ja auch, dass niemand die Firmen, die da illegal und menschenunwürdig agieren, verklagt. Wie man das letztendlich regeln kann? Vielleicht muss man doch hingehen und die Zeitarbeit für Auftragsspitzen erlauben, aber sie quantifizieren. Das können keine 80 Prozent, aber vielleicht zehn Prozent sein. Generell ohne Werkverträge und Zeitarbeit wäre die deutsche Wirtschaft auch gar nicht zu bewerkstelligen, das ist mir schon bewusst. WS: Ich kann einfach nur dafür plädieren, sich die Details genau anzuschauen und zu unterscheiden – bevor »Da bewegen sich zu viele unter dem Radar der Rechtsstaatlichkeit und haben zu große Macht angehäuft.« Peter Kossen Arbeit zeigen. 35 Prozent der beschäftigten Geflüchteten haben Fuß in der Zeitarbeitsbranche gefasst und konnten so auch in unsere Gesellschaft integriert werden. Hier haben wir also den umgekehrten Effekt: Die Legalisierung der Zeitarbeit hat wirtschaftspolitische Vorteile gebracht, die jetzt keiner mehr missen will. Und auch in der Fleischindustrie geht es um Integration. Bei uns gibt es auch kein „Hire & Fire“, der Mensch ist unser Kapital. In der Fleischindustrie mag man schnell diesen Drehtür-Effekt organisieren können, aber bei uns geht das nicht. Wer in der Arbeitnehmerüberlassung tätig sein will, muss ja auch erst einmal eine Erlaubnis bekommen. Löhne, Tarifbedingungen, Arbeitsschutz. Mitbestimmung, Gewerkschaft, Abdeckungsgrad unserer Tarifverträge – ist alles gesetzlich geregelt. Was meinen Sie denn, wo man noch hingucken müsste, wo die Zeitarbeit Tönnies und Co in die Karten spielen könnte? man eine Schlagzeile setzt – und dann sachlich und fair zu diskutieren. Und wo etwas illegal ist, da muss man es ändern und diejenigen strafrechtlich zur Verantwortung ziehen. PK: Das waren auch für mich jetzt viele interessante Informationen. Und es ist immer gut, miteinander zu reden! SaS VIDEO-INTERVIEW mit Pfarrer Peter Kossen www.ig-zeitarbeit.de/kossen-interview

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