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Z direkt! 03-2017

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Z direkt! Titelthema Titelthema Z direkt! Koordinatorin unterstützt ausländische Mitarbeiter Willkommenskultur leben Sayed Mukhtar Shah Safi strahlt und die Augen beginnen zu leuchten, wenn er an seine Familie denkt. Im Moment zählt für ihn nur eins: Der Afghane möchte arbeiten und Geld verdienen, um seinem ganz großen Ziel näher zu kommen – seine Frau, die Tochter und die sechs Söhne nach Deutschland holen. Beim iGZ-Mitglied GeAT AG hat er die Chance dazu bekommen. In seinem Heimatland hat der 33-Jährige sechs Jahre lang als Bauingenieur gearbeitet. Dann bekam er politische Probleme. Die Kinder musste er aus der Schule nehmen. Er ergriff die Flucht vor den Häschern der Taliban und landete schließlich in Deutschland. Am liebsten würde er wieder in seinem gelernten Beruf arbeiten. Doch bis Sayeds Ausbildung in Deutschland anerkannt wird, vergeht vermutlich noch einige Zeit. „Die Anerkennung von beruflichen Abschlüssen ist in Deutschland sehr schwierig“, bedauert der Afghane. Um für sein Einkommen zu sorgen, bewarb er sich darum zunächst als Helfer bei GeAT. Das iGZ-Mitglied fand für ihn einen Einsatz bei einem Online-Versandhändler. Dort glänzt er mit Motivation und Leistungsbereitschaft. „Herr Safi arbeitet so gut, dass er von dem Kunden übernommen wird“, lobt Nadine Wöllner, Leiterin der Erfurter GeAT-Niederlassung. „Das hat er sich verdient.“ Auch der Zeitarbeitnehmer Medhonei Debesay Negash ergriff vor drei Jahren die Flucht. In Eritrea herrscht ein Diktator. Er nennt sich „Präsident“ und ist doch nur ein Tyrann, der zahlreicher Verbrechen vor allem gegen die Menschlichkeit verdächtigt wird: Monatlich fliehen 5.000 Menschen vor Präsident Isayas Afewerki aus Eritrea – ein Land, das (noch) vier Millionen Einwohner hat. In Deutschland besuchte Debesay Negash zunächst einen Integrations- und einen Sprachkurs. Als er endlich die Arbeitserlaubnis in den Händen hielt, bewarb auch er sich beim iGZ- Mitglied GeAT. „Wir konnten ihn ebenfalls bei dem Online-Versandhändler einsetzen“, berichtet Nadine Wöllner, Leiterin der Niederlassung in Erfurt. Seit neun Monaten ist der 27-Jährige nun dafür zuständig, die bestellten Waren im Lager zusammenzusuchen. Am Tag legt er während der Arbeit einige Kilometer zurück. „Das macht mir aber nichts aus“, betont Debesay Negash. „Ich laufe gerne und spaziere nach Feierabend oft noch ein bisschen durch Erfurt.“ Wenn er seine Deutschkenntnisse verbessert hat, möchte er eine Ausbildung absolvieren. Diese Chance hatte er in Eritrea nicht. „Ich bin dort erst noch zur Schule gegangen. 2004 wurden jedoch alle Universitäten geschlossen, sodass ich mich anschließend nicht mehr weiterbilden konnte.“ Das möchte er gerne in Deutschland nachholen. Nadine Wöllner arbeitet seit 1998 in der Zeitarbeitsbranche. „Meine Arbeit hat sich im Laufe der Zeit schon ziemlich verändert“, berichtet sie. „Damals hatten wir kaum ausländische Mitarbeiter – inzwischen beschäftigen wir sehr viele Ausländer“, so die Erfurterin. Der Fall von Safi sei dabei typisch. Die Mitarbeiter mit Migrationshintergrund würden häufig viel motivierter ans Werk gehen. „Die machen quasi den Durchschnitt nach oben kaputt“, schmunzelt sie. Es sei schon häufiger vorgekommen, dass ihre ausländischen Mitarbeiter während der Arbeit ‚Zwangspausen‘ einlegen mussten, weil sie für den Akkord in der Fabrik zu schnell gearbeitet haben. Auf der anderen Seite sei der Betreuungsaufwand wesentlich höher. „Wenn ich mit einem Deutschen einen Arbeitsvertrag bespreche, dauert das ungefähr eine Stunde“, nennt sie ein Beispiel. Bei ausländischen Mitarbeitern vergingen schnell zwei bis drei Stunden. Das liege auch daran, dass das Zeitarbeitsunternehmen nicht nur erster Ansprechpartner bei Fragen zum Job sei, sondern auch zu Kindergeldanträgen, Bankkonten, Versicherungen und zu vielen weiteren Themen. „Das ist schon deutlich mehr geworden“, so Wöllner. Integration spielt bei GeAT schon lange eine große Rolle. Jedes Jahr gewinnt die Unternehmensgruppe rund 300 polnische Arbeitskräfte. Viele dieser Mitarbeiter möchten langfristig in Deutschland bleiben und ziehen deshalb mit ihren Familien um. Das erfordert einige Integrationsarbeit. „Wir leisten hier Hilfe zur Selbsthilfe – zum Beispiel mit einem Startgeld, damit unsere Mitarbeiter leichter eine Wohnung finden und sie einrichten können“, erläutert Florian Meyer, GeAT- Vorstand. Außerdem organisiert das Zeitarbeitsunternehmen bei Bedarf zum Beispiel Nachhilfeunterricht für die Kinder der Mitarbeiter, unterstützt bei Anträgen oder bei der Suche nach Kindergartenplätzen. Irgendwann wurde dieser zusätzliche Aufwand für die Personaldisponenten in den Niederlassungen zu groß, sodass in der Zentrale eine Koordinatorenstelle eingerichtet wurde. Seit 2015 ist Friederike Reiser dafür zuständig. „Damals ging es wirklich primär um die Betreuung der polnischen Arbeitskräfte. Mit der Flüchtlingswelle hat zu der Zeit noch niemand gerechnet“, erinnert sich Florian Meyer. Doch als dann 2016 die ersten Bewerbungen von Mitarbeitern aus Afghanistan, Syrien und Eritrea eingingen, half die Erfahrung mit den polnischen Arbeitskräften natürlich enorm. Reisers Aufgabenbereich vergrößerte sich rasch. Die gelernte Übersetzerin informierte sich über die verschiedenen Aufenthaltstitel von Flüchtlingen und eignete sich die Details zur Arbeitserlaubnis an. Sie prüfte die neuen Richtlinien zur Aussetzung der Vorrangprüfung und zur Arbeitnehmerfreizügigkeit. „Das war schon viel, was da an neuen Regelungen auf uns zukam“, berichtet Reiser. „Aber das war auch eine Zeit, in der man die neuen Infos nur so aufgesogen hat.“ Reiser gehörte denn auch zu den ersten Teilnehmerinnen des iGZ-Integrationslehrgangs. Außerdem half ihr das gute Netzwerk vor Ort. „Hier in Erfurt haben wir uns viel mit Bildungsträgern, der Agentur für Arbeit und Vertretern der Wirtschaft ausgetauscht. Wir standen ja alle vor ähnlichen Herausforderungen.“ Die wichtigsten Informationen zur Beschäftigung von Flüchtlingen fasste Reiser gemeinsam mit dem GeAT- Team in einer Willkommensbroschüre zusammen. „Wenn jemand neu in Deutschland ist und sich bei einer Firma vorstellt, prasseln unglaublich viele Informationen auf ihn ein“, versteht Reiser. Darum sei es für die Flüchtlinge sehr hilfreich, das Wichtigste später noch einmal in Ruhe nachlesen zu können. Für die Kollegen in den Niederlassungen erarbeitete sie Broschüren und Merkblätter. „Das hilft uns schon sehr“, betont Wöllner, und Florian Meyer ergänzt: „Wir sind hier ja eigentlich alle Integrationsbeauftragte. Da müssen die Disponenten in den Niederlassungen ebenfalls bestens informiert sein.“ „Rückwirkend war es für uns auf jeden Fall großes Glück, dass wir uns schon vor der Flüchtlingswelle so intensiv mit der Integration von Ausländern beschäftigt haben“, resümiert GeAT-Vorstandssprecher Helmut Meyer. Es ist ihm wichtig zu betonen, dass die Flüchtlinge „niemandem einen Job wegnehmen“. Die GeAT AG beschäftigte derzeit so viele Mitarbeiter wie nie zuvor. „Wir haben die Flüchtlinge also zusätzlich zu unseren sonstigen Mitarbeitern beschäftigt.“ Die meisten der über 300 ausländischen Mitarbeiter kommen nach wie vor aus Polen (29,7 Prozent). Direkt danach folgen Beschäftigte aus den Staaten Afghanistan (21,9 Prozent), Syrien (9,8 Prozent), Eritrea (9,2 Prozent), Irak (6,2 Prozent) und Somalia (4,6 Prozent). Maren Letterhaus Freuen sich, dass Sayed Mukhtar Shah Safi (l.) und Medhonei Debesay Negash (2.v.r.) dank ihrer Festanstellung wieder selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen können: Helmut Meyer, Nadine Wöllner, Friederike Reiser und 14 Florian Meyer (v.l.) vom iGZ-Mitglied GeAT. 15

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