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Z direkt! Hintergrund Herausforderungen der Digitalisierung Wer findet Antworten auf die drängenden Fragen? Die Wirtschaft steht vor großen Veränderungen. Der Trend der Digitalisierung – Stichwort Industrie 4.0 – wird Abläufe und Prozesse ganz nachhaltig revolutionieren. Doch der Versuch, diese Veränderungen und ihre Auswirkungen auf die Arbeitsnachfrage sicher vorherzusagen, gleicht dem Blick in die Glaskugel. Verlässliche Aussagen darüber, in welchem zeitlichen Kontext welche Art von Qualifikationen benötigt werden, sind nach Expertenmeinung zum jetzigen Zeitpunkt der Entwicklung (noch) nicht möglich. Laut Prof. Dr. Manfred Bronewasser von der Uni Greifswald, der auch die iGZ-Projektgruppe „Zeitarbeit 2030“ inhaltlich begleitete, sind die arbeitsmarktpolitischen Auswirkungen von Industrie 4.0 völlig offen. Zu unsicher ist es, in welcher Geschwindigkeit sich diese als vierte industrielle Revolution bezeichnete Veränderung der Produktion tatsächlich entwickeln wird. Industrie 4.0 vs. Arbeit 4.0 Doch während unter der Überschrift „Industrie 4.0“ vor allen Dingen die Möglichkeiten diskutiert werden, die sich für Produktionsprozesse und unternehmerische Abläufe ergeben, finden sich im Arbeitnehmerlager immer mehr Initiativen, die sich dieser Diskussion offensiv entgegenstellen. Die Aufgaben scheinen klar verteilt: Das Bundeswirtschaftsministerium betreibt zusammen mit dem Bundesbildungsministerium die „Plattform Industrie 4.0“, um dort „eine zielführende Umsetzung von Industrie 4.0 im deutschen Mittelstand“ sicherzustellen. Das Bundesarbeitsministerium hingegen steht für den „Dialogprozess Arbeiten 4.0“, um „einen Rahmen für einen teils öffentlichen, teils fachlichen Dialog über die Zukunft der Arbeitsgesellschaft“ zu schaffen. Dabei gehe es nicht um die Frage, wie die Arbeit der Zukunft aussehen könne, sondern darum, wie Arbeit aussehen solle, stellte beispielsweise Jörg Hofmann, Vize-Chef der IG Metall, bei der konstituierenden Sitzung der Plattform „Digitale Arbeitswelt“ fest. Hofmann ist Co-Vorsitzender dieser Plattform. Die zweite Vorsitzende ist Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles. Deren Ministerium hat erst kürzlich ein „Grünbuch Arbeit 4.0“ herausgegeben, das als Grundlage für eine weitere Diskussion des Themas dienen soll. Dort heißt es: „Wenn heute von einer vierten industriellen Revolution gesprochen wird, dann wirkt dies oft 20

Hintergrund Z direkt! iPad 9:45 AM 100% so, als würden die neuen technischen Möglichkeiten und Trends, quasi naturgegeben, unser Leben und unsere Arbeitswelt nach ihren Vorgaben umwälzen. Dies ist jedoch mitnichten so. Die Technik schafft nur neue Möglichkeiten. Was wir tatsächlich wahr werden lassen von dem, was möglich ist, um unsere Lebens- und Arbeitswelt zu gestalten, liegt weiterhin in unseren Händen – hier liegt der gesellschaftliche und politische Gestaltungsauftrag.“ Was ist Industrie 4.0? Als Industrie 4.0 wird die Möglichkeit bezeichnet, in Echtzeit ein digitales Abbild von einzelnen Produktionsprozessen bis hin zu kompletten Wertschöpfungsketten zu erstellen. Es ist möglich, zu jedem Zeitpunkt virtuelle Einwirkungsmöglichkeiten des jeweiligen Prozesses zu erhalten. Dadurch sind zukünftig sich selbst optimierende Prozesse denkbar, die sich ohne Eingriffe von außen selbst regulieren. Viele offene Fragen Die einen nennen es „Möglichkeiten“, die anderen „Anforderungen“. Die Überschrift ist mit dem Schlagwort der „Digitalisierung“ gesetzt. Doch was bedeutet das eigentlich inhaltlich? Klar scheint, dass die Digitalisierung im Arbeitsleben von einer zunehmenden Prozessausrichtung begleitet wird. Was bedeutet das mit Blick auf die Flexibilitätsanforderungen? Werden zeitlich befristete Einsätze die Regel? Wandelt sich das Wesen des Arbeitsverhältnisses von der Festanstellung zur Projektbefristung? Welche Rolle kommt der Personaldienstleistung in diesem Zusammenhang zu? Die Experten sind sich – bei allen bestehenden Unsicherheiten – einig, dass die Arbeitsabläufe jedenfalls komplexer werden. Es bleiben allerdings noch ganz konkrete Fragen offen: Werden in Zukunft weniger Helfer benötigt oder wird sich das klassische Arbeitsbild für Helfer verändern? In der Form, wie etwa das intuitive Bedienen von Smartphones und Computern eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit wird, ist es unter Umständen keine besonders zu würdigende berufliche Qualifikation mehr. Offen ist auch, Mitarbeiter welcher Qualifikation zukünftig für das Einrichten und Überwachen der Produktionsprozesse benötigt werden. Fällt gegebenenfalls die ganze Facharbeiter-Ebene weg, wenn nur noch Maschinen-Assistenten und Programmierer benötigt werden? Und: Wie wirkt sich der Umgang mit den neuen und großen Datenmengen aus? Ergeben sich hier neue Jobs in einer Größenordnung, die die Einsparungen im produzierenden Bereich vielleicht sogar ausgleichen? Das würde dann erfordern, dass wir schon heute in Ausbildung und Studium nachsteuern müssen. Sonst sprechen wir in einigen Jahren eventuell von der Ingenieur-Schwemme und dem Programmierer-Mangel. Durch die Digitalisierung ganzer Produktionsprozesse entstehen ganz neue Herausforderungen an das Handling der dann entstehenden Daten: sowohl mit Blick auf die Datenmengen und die Geschwindigkeit ihrer Verarbeitung als auch mit Blick auf die Datensicherheit. Tarifpartner gefragt Auf diese drängenden Fragen suchen aber gegenwärtig scheinbar weder Vize-Bundeskanzler Sigmar Gabriel noch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles Antworten. Darum ist es gut, dass es im deutschen Wirtschaftsleben neben der Politik noch andere Akteure gibt, auf die Verlass ist, wenn es darauf ankommt. Unternehmerverbände und Gewerkschaften beweisen angesichts der vielfältigen Herausforderungen, dass die besondere Stellung der Tarifpartner in Deutschland mehr als begründet ist. So haben beispielsweise IG Metall NRW und Unternehmer.NRW bereits das Thema „Industrie 4.0“ in einem gemeinsamen Pressegespräch behandelt. Auch wenn sie noch keine Antworten auf die drängenden Fragen liefern konnten, sind die Themen dort in den richtigen Händen. Und gleichzeitig senden die Tarifpartner an die Politik das wichtige Signal, dass sie in verantwortlichem Miteinander gemeinsam die anstehenden Herausforderungen der Digitalisierung besprechen, klären und zu entsprechenden Regelungen kommen werden. Marcel Speker 21

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