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Z direkt! 02-2020

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10 TITELTHEMA Interview

10 TITELTHEMA Interview Wie die Kreidefelsen auf Rügen Als Deutschland und die Welt vor zwölf Jahren in die Finanzkrise schlitterten, erlebte Volker Homburg dies nicht nur als Geschäftsführer der ZIP – Zeitarbeit + Personalentwicklung GmbH. Homburg war zu der Zeit auch Bundesvorsitzender des iGZ. Zdirekt! sprach mit ihm über die Zeitarbeitsbranche damals in der Finanzkrise und heute in der Coronakrise. Volker Homburg Wenn Sie an die Wirtschaftskrise 2008 zurückdenken, woran denken Sie dann spontan? Nicht schon wieder! Eigentlich hatte ich Krisen „satt“ und wollte einfach nur engagiert meiner Arbeit nachgehen. Wie beurteilen Sie im Vergleich zu damals die Situation heute? Ist die Dimension der Auftragsrückgänge vergleichbar? Vergleiche sind immer schwierig. Damals hatten wir eine Finanz- und Wirtschaftskrise. Sie hat uns als Personaldienstleistungsbranche ganz unterschiedlich be- und getroffen. Meine Firma war zu der Zeit im Wesentlichen im gewerblichen Bereich davon berührt. Der Einschnitt war damals ähnlich unvermittelt wie heute. Allerdings: Während damals die Nachfrage wegbrach, wird aktuell das Angebot eingeschränkt. Führen die unterschiedlichen Ursachen auch zu unterschiedlichen Auswirkungen? Ich erinnere mich daran, dass noch bis Ende 2008 trotz bereits spürbarer wirtschaftlicher Einbrüche die Signale nur zögernd wahrgenommen worden sind. Erst zum Jahreswechsel 2008/2009 kam die Krise letztendlich in der allgemeinen Wahrnehmung an. Die Auswirkungen haben aber nicht alle wirtschaftlichen Bereiche gleichermaßen in Mitleidenschaft gezogen. Verkürzt hatten wir es um 2009 mit einer Wirtschaftskrise und einer sich schnell wieder erholenden Gesamtsituation zu tun. Aktuell haben wir es mit einer Pandemie zu tun. Mehr oder weniger von heute auf morgen sind durch Allgemeinverfügungen alle gesellschaftlichen Bereiche punktuell zeitlich versetzt berührt oder sofort total zum Erliegen gekommen. Darüber hinaus wirken sich verstärkend vorgelagerte Krisen – beispielsweise in der Stahlbranche

Z direkt! 02/2020 TITELTHEMA 11 oder im Automotivbereich – negativ aus. Die Auswirkungen und wirtschaftlichen Folgen der ungleich komplexeren Lage heute vermag ich nicht wirklich zu bewerten. Das Kurzarbeitergeld wurde diesmal deutlich schneller für die Zeitarbeit geöffnet. Welche Rolle spielt es in der aktuellen Krise für die Zeitarbeitsbranche? Das Kurzarbeitergeld ist für die Absicherung von Arbeitsplätzen ein ganz wichtiger Faktor. Vor dem Hintergrund des plötzlichen und nicht kalkulierbaren Einbruchs fast des gesamten wirtschaftlichen Lebens war die schnelle Öffnung für die Zeitarbeit sehr wichtig. Meine Firma konnte dadurch alle internen und überbetrieblichen Angestellten halten. An dieser Stelle muss ich ein großes Lob an die Agentur für Arbeit (BA) aussprechen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort haben sehr schnell, sowohl in der Bewilligung der Kurzarbeit als auch mit der Auszahlung der Leistungen, reagiert. Damit hat die BA in vielen Fällen zur Liquiditätssicherung von Firmen beigetragen. Die Finanzkrise hat – graphisch dargestellt – den Verlauf eines „V“ genommen: schneller, tiefer Einbruch, zügige Erholung. Was glauben Sie, wie wird sich die Coronakrise im Nachhinein darstellen? Die Lage stellt sich für mich gegenwärtig wie die Kreidefelsen auf Rügen dar: zunächst die plötzliche, steile Abbruchkante, dann eine monatelange Ebbe mit kleinen Inselbildungen des Glücks und in der Folge eine langsame, schrittweise Landgewinnung. Alles vor dem Hintergrund, dass uns keine zweite Coronawelle diesen Landgewinn wieder wegspült. Aktuell haben wir es nicht nur mit einer Gefahr für die Wirtschaft, sondern auch für das Leben von Menschen zu tun. Wie verändert das den gesellschaftlichen Blick auf diese Krise? Die Corona-Pandemie ist so bedrohlich, weil die Gefahr nicht sichtbar, nicht spürbar und nicht zu schmecken ist. Gleichzeitig wächst erst langsam das Grundlagenwissen über Auslöser, Wirkungsgrad und Lösungsansätze. Das begünstigt Angst und in der Folge irrationale Handlungsmuster. Benötigt wird aber die Fähigkeit, mit Ungewissheiten umgehen und leben zu können. Wir brauchen den mündigen Bürger, Unternehmer und verantwortungsvoll handelnde politische Institutionen. Ob dieses große gesellschaftliche Trainee-Programm gelingen wird, ist offen – aber zu hoffen. Wie reagieren Ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen? Gibt es Unterschiede zwischen den beiden Krisen und, falls ja, welche? Unsere internen und überbetrieblichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben trotz ihrer durch Kurzarbeit verursachten Lohneinbußen sehr verständnisvoll reagiert. Ihre Entscheidung ist getragen von dem Wunsch, ihren Arbeitsplatz zu erhalten. Die akute allgemeine Betroffenheit erhöht die Akzeptanz in die Notwendigkeit. Vor zwölf Jahren war es schwieriger, ein Einverständnis zu erhalten, weil die Frage im Raum stand, warum ich und nicht der oder die Andere. Welche Maßnahmen sind konkret nötig, um die Wirtschaft möglichst schnell wieder in Schwung zu bringen und gleichzeitig den Herausforderungen unseres Gesundheitssystems gerecht zu werden? Ich würde mir einen gut durchdachten wirtschaftlichen Anschwung wünschen. Es geht nicht um Schnelligkeit, sondern um weniger Wegwerfmentalität und mehr nachhaltige Produktorientierung. Soziale Daseinsvorsorge – wie das Gesundheitswesen, Pflege, Bildung – dienen der sozialen Vorsorge. Sie sollten dem reinen Ökonomismus entzogen werden. Wie wird sich die Zeitarbeitsbranche durch Corona verändern? Oder wie wird sie sich nach Corona darstellen? Es ist zu befürchten, dass sich weder gesamtwirtschaftlich noch bezogen auf die Zeitarbeit sehr viel ändern wird. Im Gegenteil: Historische Krisen bilden immer Feindbilder aus. Die positive Leistung von Zeitarbeit als Integrationsmotor beispielsweise für Personen mit Migrationshintergrund und für Menschen in schwierigen sozialen Lagen könnte zum Bumerang werden. Wenn die aktuellen Corona-Hotspots undifferenziert als Ausdruck prekärer Arbeitsverhältnisse eingeordnet werden. Das gesellschaftliche Synonym ist dann schnell wieder „Die Zeitarbeit“, zum Beispiel in der Fleischindustrie. Dieser Gefahr müssen wir durch eine noch größere Sorgfalt und Fürsorge für unsere überbetrieblichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheits- und Arbeitsschutz begegnen. Ungebrochen werde ich an der Verwirklichung der Vision arbeiten, dass irgendwann die Leistung unserer Branche und der in ihr tätigen Menschen von der Wirtschaft und Gesellschaft gebührend anerkannt wird. Ich finde, die fleißig und motiviert arbeitenden 750.000 Zeitarbeitskräfte haben es einfach verdient, mal gelobt zu werden. MS

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