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Z direkt! 02-2017

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Z direkt! Nachgefragt Nachgefragt Z direkt! allen Trends, die wir im Bereich Bildung treiben. Um es deutlich zu sagen: Wir werden hier keine Lösung präsentieren können, die wie deus ex machina den Fachkräftemangel löst. Dies ist wohl auch nicht unsere Aufgabe. Die Aufgabe des Verbandes ist an dieser Stelle, unsere Mitgliedsunternehmen dahingehend zu beraten, bei der Gewinnung solcher Potenziale Wettbewerbsvorteile aufzubauen. Damit stehen wir dann im direkten Wettbewerb zu konventionellen Unternehmen und hier, das möchte ich ausdrücklich betonen, hat unsere Branche ein unfassbares Potenzial. Wir sehen bereits in Randbereichen von Beschäftigung, dass ein Arbeitsverhältnis im Rahmen der Zeitarbeit als deutlich attraktiver wahrgenommen wird als typische Beschäftigungsverhältnisse. Und auch wenn Politik dies nicht wahrhaben will, kann diese Entwicklung eine Blaupause für unsere Branche Christian Baumann Christian Baumann engagiert sich seit Juni 2014 als iGZ-Landesbeauftragter für Hamburg. Von 2015 bis 2017 war er Mitglied der iGZ-Tarifkommission. Im iGZ-Bundesvorstand war er seit 2016 als Beisitzer für den Bereich Arbeitsmarktpolitik zuständig. Der Geschäftsführer des iGZ-Mitglieds pluss Personalmanagement GmbH ist zudem als ehrenamtlicher Richter am Arbeitsgericht Hamburg tätig. werden, wenn wir massiv an den Arbeitsbedingungen arbeiten und diese auf ein Niveau heben können, dass sich von konventionellen Unternehmen abhebt. Zeitarbeit beschäftigt heute drei Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten – warum nicht zukünftig mindestens fünf Prozent? Kann das nicht eine spannende andere Perspektive auf den vielbeschworenen Fachkräftemangel sein? Kann denn eine Erhöhung der Penetrationsrate in der Zeitarbeit eine effizientere Allokation der Fachkräfte in allen Märkten bedeuten und damit den Fachkräftemangel reduzieren? Dies sind Fragen, die wir offensiv stellen müssen. Bei aller Verteilungsfrage und Quotenberechnungen reichen diese Theorien jedoch nicht aus, um wirklich mehr Wertschöpfung zu treiben. Natürlich müssen wir uns auch strukturell um ein paar wesentliche Themen kümmern, damit unsere Branche nicht den zweifelhaften Ruf erhält, im engen Beschäftigungsteich lediglich abzufischen. Wir müssen uns darum kümmern, dass Zeitarbeit bezüglich der Qualifikationsniveaus konkurrenzfähiger wird. Wir erleben in Deutschland einen massiven Trend zur Akademisierung, bilden diesen in unserer Branche jedoch nicht ab. Zudem sind wir als Arbeitgeber dazu verpflichtet, unserer sozialen Verantwortung im Bereich der Ausbildung, Fort- und Weiterbildung gerecht zu werden. Auch hier benötigen wir Erfolge, damit man uns nicht vorwerfen kann, lediglich bestehende Ressourcen zu nutzen. Mit diesen Argumentationssträngen würden wir direkt an der Linderung des Fachkräftemangels arbeiten und können dann als selbstbewusster Akteur des Arbeitsmarktes positioniert werden. Z direkt!: Auch für den iGZ ergeben sich aus diesen Thematiken verschiedene Aufgabenstellungen. Hat der neue Vorstand bereits Strategien entwickelt, wie der Verband seine Mitglieder bei diesen Themen unterstützen kann? Baumann: Hierzu kann ich noch keine Details preisgeben, da wir derzeit intensiv an der Formulierung ebendieser Strategien arbeiten. Wir haben uns als Vorstand von den starren Ressortprinzipien gelöst und einer agileren Themenverantwortung verschrieben. Jedes Vorstandsmitglied bearbeitet zusammen mit den hoch engagierten Kolleginnen und Kollegen aus dem Hauptamt ein oder mehrere Themenkomplexe, beispielsweise Rekrutierung und Vertrieb, Lobbyarbeit, Digitalisierung, CSR. Dies befähigt uns für die spezifischen Fragestellungen der Branche ein breiteres Set an Strategien zu erarbeiten. Wir haben uns zudem darauf verständigt, dass wir Sie, liebe Mitglieder, stärker an der Erarbeitung dieser strategischen Guidelines partizipieren lassen wollen. Wir merken sehr deutlich, dass wir in unserer Branche eine Menge von hidden champions haben, die hervorragende Performance in Teilbereichen der Wertschöpfungskette demonstrieren – und wir wollen alle von ihnen lernen. Wir erhoffen uns durch ein höheres Maß an Partizipation und Kooperation eine win-win-Situation für alle Beteiligten und ein agiles Handling bei der Strategieentwicklung. Z direkt!: Ein wichtiges Element der Verbandsarbeit ist der Lobbyismus. Werden Sie sich künftig auch persönlich noch intensiver in Sachen Kontakt zu Politik und Wirtschaft einsetzen wie unlängst beim vorwärts- Sommerfest der SPD in Berlin geschehen? Baumann: Solange es das letzte Jahr ist, in dem ich Reden von Martin Schulz ertragen muss, ja. Spaß beiseite: Die Lobbyarbeit wurde mir persönlich in das Pflichtenheft geschrieben und diese Aufgabe nehme ich selbstverständlich mit vollem Engagement wahr. Diesbezüglich muss ich allerdings anmerken, dass bestehende und zukünftige Erfolge zu nicht unerheblichem Anteil aus der Arbeit der hauptamtlichen Kolleginnen und Kollegen in Berlin resultieren. Es ist ein Stück weit eine undankbare Aufgabe. Allerdings bearbeitet das Berliner Hauptstadtbüro so intensiv und motiviert unsere Kontakte im politischen Berlin, dass wir hier echte Erfolge erzielen konnten und ich mir sicher bin, dass wir dies zukünftig noch intensivieren können. Undankbar ist es allerdings auch, dass wir diese Ergebnisse nicht wirklich kommunizieren können, läuft Lobbyarbeit doch tendenziell sehr diskret und im Hintergrund ab. Seien Sie sich bitte sicher, dass Sie sich bezüglich dieser Tätigkeit auf die Berliner Kolleginnen und Kollegen und auf mich voll verlassen können. Wir werden allen Menschen, die es hören wollen oder nicht, mitteilen, welche unfassbaren Leistungen unsere Branche erfüllt. Z direkt!: iGZ-Landesbeauftragter für Hamburg, Mitglied der iGZ-Tarifkommission und seit 2016 im Bundesvorstand für den Bereich Arbeitsmarktpolitik: Welche Intention steckt denn hinter so viel ehrenamtlichem Engagement? Baumann: Ich kann es überhaupt nicht leiden, wenn immer alle motzen, sich aber keiner aufrafft, um etwas zu ändern. Nach diesem Credo verfahre ich bereits mein ganzes Leben lang. Als mittelständischer Unternehmer möchte ich sicherstellen, dass ich in Zukunft die Rahmenbedingungen für meinen Erfolg oder Misserfolg selbst zu verantworten habe, aber auch selbst verantworten darf. Daher war es für mich selbstverständlich, aktiv an der Ausgestaltung der Rahmenbedingungen zu partizipieren. Da ich wusste, dass ich viel lernen musste und auch noch muss, startete ich mit begrenzter Komplexität. Irgendwie war die Ämterwahl dann nicht substituierend, sondern komplementär. Letzteres konnte ich mittlerweile jedoch fast gänzlich lösen, um mich auf die Aufgaben im Vorsitz vollständig konzentrieren zu können. Z direkt!: Bleibt da nicht die vielzitierte Work-Life- Balance auf der Strecke? Baumann: Work-Life-Was? Glücklicherweise verfüge ich über eine enorm leidensfähige Familie, die mich zwar immer noch für wahnsinnig hält, wenn ich sonntags ins Büro fahren, um Interviews zu geben, aber immer noch volle Toleranz hierfür aufbringt. Ansonsten ist es immer eine Frage der Organisation und Disziplin. Z direkt!: Hat der neue iGZ-Bundesvorsitzende eine Vision zur Zukunft der Zeitarbeitsbranche und des Interessenverbandes? Baumann: Oh ja, die haben wir. Wichtig dabei ist ganz deutlich, dass wir (!) diese haben, nicht der Bundesvorsitzende. Mit wir sind in erster Linie der Vorstand des iGZ und das Hauptamt gemeint, in Konsequenz jedoch die gesamte Branche. Wir wollen sicherstellen, dass wir unverzichtbarer Arbeitsmarktpartner werden. Wir wollen sicherstellen, dass sich niemand verstecken und sogar schämen muss bei der Frage, in welcher Branche er oder sie arbeitet, da wir Arbeitgeber und Branche der ersten und nicht der letzten Wahl werden möchten. In letzter Konsequenz wollen wir als Verband helfen prekäre Beschäftigungsverhältnisse einzudämmen. Das klingt erstmal paradox, wir meinen das jedoch völlig ernst. Zeitarbeit ist ein Beschäftigungsverhältnis wie jedes andere auch, nur qualitativ viel hochwertiger und für die Menschen besser als all die Arbeitsverhältnisse, die in der Diskussion um prekäre Arbeit genannt werden. Wir wollen Zeitarbeit in der Diskussion um das Prekariat nicht mehr hören, da sie dort überhaupt nicht hinpasst. All diese Punkte kann man kurz und knapp zusammenfassen, so wie es Klaus von Dohnanyi bezüglich unserer Branche treffend von uns forderte: Wir dürfen uns nicht mehr verteidigen, wir müssen angreifen. Wir haben das Recht und den Willen hierzu, uns fehlte nur der Mut. Ich freue mich auf die nächsten drei Jahre mit Ihnen! 10 11

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