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Z direkt 02-2016

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Z direkt! Gastbeitrag Dr. Arnd Küppers, stellv. Direktor der Kath. Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Zeitarbeit – nur ein Opfer im Stellvertreter-Krieg? Die gesellschaftliche Diskussion über die Zeitarbeit muss beurteilt werden vor dem Hintergrund eines generell wachsenden Misstrauens gegenüber der Sozialen Marktwirtschaft. Das mag ein Stück weit beruhigend sein aus Sicht der Zeitarbeit, weil es bedeutet, dass die gesellschaftlichen Angriffe gegen die Branche eigentlich gar nicht gegen die Zeitarbeit gerichtet sind, sondern ein allgemeines Unbehagen über die Entwicklung der Wirtschafts- und Arbeitswelt auf die Zeitarbeit projiziert wird. Mehrheit „mehr soziale Absicherung“ und nur eine kleine Minderheit „mehr Markt“. Schon die Zahlen zeigen: Das sind nicht nur Menschen in prekären Lebensverhältnissen, sondern soziale Existenzängste haben sich bis in die Mittelschicht hinein verbreitet. Dadurch, dass im Falle einer plötzlichen Arbeitslosigkeit heute nach zwölf Monaten „Hartz IV“ und der Fall ins existenzielle Nichts drohen, ist eine latente – wenngleich individuell zumeist unbegründete – Angst in vielen Bereichen der Gesellschaft spürbar. Wenn aber die Mitte der Gesellschaft ängstlich und unzufrieden wird, dann wird es für eine Gesellschaft gefährlich, denn dann ist der Grundkonsens bedroht. Das erleben wir ja gerade in Deutschland und mehr noch in anderen Ländern massiv. Dr. Arnd Küppers, stellvertretender Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle. Die Zeitarbeit steht also in gewisser Weise symbolisch für die Furcht vor der Veränderung und die allgemeine Verunsicherung, die vor allem seit der Umsetzung der Agenda 2010-Reformen zu beobachten sind. Seither ist die Zustimmung zur „real existierenden“ bundesrepublikanischen Sozialen Marktwirtschaft merklich geschwunden. Viele Umfragen der letzten Jahre zeigen, dass eine wachsende Mehrheit der Menschen die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland als ungerecht empfindet: 65 Prozent waren in einer repräsentativen Studie des renommierten Instituts für Demoskopie in Allensbach aus dem Jahr 2013 dieser Auffassung. Gefragt nach dem Reformbedarf der Sozialen Marktwirtschaft, fordert die überwältigende Die Bürger wollen also insgesamt mehr soziale Sicherheit. Ausgerechnet mit der Zeitarbeit aber verbinden sie das Gegenteil. Das hat auch mit der öffentlichen Darstellung von Zeitarbeit in den letzten Jahren zu tun. Der Zeitarbeiter als das medial inszenierte Gegenbild zu dem Arbeitnehmer, der ein Leben lang und oft generationenübergreifend in ein und demselben Unternehmen gearbeitet und sich mit diesem auch persönlich identifiziert hat: „Wir Opelaner“. Diese Zeiten aber sind Vergangenheit, was auch viele Opelaner haben schmerzlich erfahren müssen. Und die Zeitarbeit ist keineswegs Ursache, sondern mehr Reaktion auf diese Entwicklung. Das aber spielt keine entscheidende Rolle, weil es in dieser Art von öffentlichen Diskursen weniger um rationale Argumente, sondern mehr um Emotionen geht. Es ist eine Art „Erzählung“, in der die Zeitarbeit die Rolle des Sündenbocks 30

Gastbeitrag Z direkt! hat, dem die Schuld an manchen Veränderungen der Wirtschafts- und Arbeitswelt zugeschoben werden kann. Eine „Erzählung“ ist kein „Märchen“, aber sie ist auch kein rationaler Diskurs. Deswegen ist der verbreiteten Kritik an der Zeitarbeit auch nicht nur mit vernünftigen Gegenargumenten auf diese Kritik beizukommen, sondern es bedarf zudem einer positiven Gegenerzählung. Der negativen, medial verbreiteten Darstellung „Zeitarbeit als Symptom, als bösartige Wucherung einer unsicher werdenden Arbeitswelt“ muss die positive Alternativerzählung entgegengestellt werden: Zeitarbeit als der Versuch, in einer sich beschleunigenden, flexibilisierenden Arbeitswelt das damit verbundene Risiko nicht allein auf den Einzelnen abzuwälzen, sondern dem Einzelnen auch ein Stück weit wieder Stabilität und Sicherheit zurückzugeben. Eben kein „hire and fire“, sondern das Zeitarbeitsunternehmen als sicherer Hafen für den einzelnen Arbeitnehmer, in den er nach einem kurz- oder längerfristigen Arbeitseinsatz zurückkehrt. Zeitarbeit also nicht als Symptom und Ausdruck der wachsenden Unsicherheit im Arbeitsleben, sondern die Botschaft: Wir bieten Sicherheit! Und das bietet die Zeitarbeit ja nicht nur gut ausgebildeten Facharbeitern an, sondern auch vielen Menschen, die sonst kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Branchenübergreifend liegt die Quote von ungelernten Hilfskräften bei nur drei Prozent, in der Zeitarbeit aber bei 30 bis 40 Prozent. Auch das ist eine starke Botschaft: Wir bieten Chancen! Soziale Gerechtigkeit wird in Deutschland meist als reine Verteilungsgerechtigkeit verstanden. Mit dem Ansatz der Umverteilung hat man gerade in den Nachkriegsjahrzehnten auch die richtigen Weichen gestellt. Allerdings muss man sehen, dass sich heutzutage soziale Not nicht in einem Mangel an Geld erschöpft. Arbeitslosigkeit beispielsweise ist nicht nur Einkommenslosigkeit, sondern bedeutet auch einen Mangel an sozialer Anerkennung und Teilhabe. Bereits 1986 hat die US-amerikanische katholische Bischofskonferenz in ihrem Wirtschaftswort Economic Justice for All den Begriff der sozialen Gerechtigkeit auf die Idee der Beteiligungsgerechtigkeit hin geweitet: „Die soziale Gerechtigkeit beinhaltet, dass die Menschen die Pflicht zu aktiver und produktiver Teilnahme am Gesellschaftsleben haben und dass die Gesellschaft die Verpflichtung hat, dem Einzelnen diese Teilnahme zu ermöglichen.“ Bei diesem Gerechtigkeitsverständnis hat die Zeitarbeit einen guten Stand, da ihre Inklusions- und Integrationsleistungen genau diesem Gerechtigkeitsbegriff entsprechen. Viele Unternehmer in der Zeitarbeit machen quasi nebenher Sozial- und Integrationsarbeit und tun das oft mit mehr Erfolg als staatliche Stellen. Aber auch darauf darf Zeitarbeit nicht verengt werden. Deswegen noch ein dritter Aspekt: Der gegenwärtig zu erlebende Wandel der Arbeitsgesellschaft ist einerseits durch eine zurückgehende Zahl an Arbeits- und vor allem Fachkräften gekennzeichnet und andererseits von einer wachsenden Verlagerung der unternehmerischen Verantwortung auf den einzelnen Arbeitnehmer. Das hat beispielsweise zu tun mit einer zunehmenden Abkehr von standardisierter Massenproduktion und standardisierten Dienstleistungen hin zu stärker auf Kundenwünsche hin individualisierten Produkten und Dienstleistungen. Dieser Wandel wird dazu führen, dass sich Mitarbeiter vermehrt zu kommunikativen Schnittstellen zwischen den Kunden und dem eigenen Unternehmen entwickeln werden. Das bedeutet, dass bestimmte soziale Fähigkeiten – Flexibilität für unterschiedliche Kontexte, Kommunikation und persönliche Verantwortung – in Zukunft besonders gefragt sind. Das sind Qualitäten, die die qualifizierten Mitarbeiter in der Zeitarbeit schon jetzt in besonderem Maße mitbringen müssen. Und hier schließt sich der Kreis zu dem Beginn dieses Textes. Denn auch an diesem Punkt wird deutlich: Zeitarbeit initiiert und verursacht keine Veränderung der Arbeitswelt, sondern reagiert und gestaltet diesen Wandel. Dieser Wille zu einer positiven Gestaltung des Wandels muss auch für potentielle Arbeitnehmer deutlich werden. In einer Arbeitswelt, in der die qualifizierten Arbeitnehmer weniger werden und zudem nicht nur fachliche, sondern auch kommunikative Fähigkeiten mitbringen müssen, muss die Zeitarbeit ihre besonderen Qualitäten herausstellen und kultivieren, um auch solche Arbeitnehmer für die Branche weiterhin und vermehrt zu attrahieren. Auch deswegen darf man sich nicht weiter in die Defensive drängen lassen, sondern muss zu einer positiven Alternativerzählung finden und diese mit Leben erfüllen. 31

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