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Z direkt! 02-2014

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Z direkt! Interview Zehn Fragen an den Vorsitzenden der IG BCE, Michael Vassiliadis "Qualitätsstandards einhalten" Der Wirtschaftstrend 2014 für die Chemie- und Energiebranche zeigt nach oben. Gute Vorzeichen auch für die dort beschäftigten Arbeitnehmer der Zeitarbeit. Bereits seit November 2012 werden hier Branchenzuschlagstarife gezahlt. Doch die Große Koalition hat erste Gesetze vorgelegt, die für Bergbau, Chemie und Energie langfristige Änderungen bedeuten. Ob EEG- Reform, Rentenpaket, Freihandelsabkommen mit den USA oder Mindestlohn, die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) will diese Prozesse kritisch und konstruktiv begleiten, so Vorsitzender Michael Vassiliadis. Wie die Zukunft in diesen Industriebranchen aussieht und welche Rolle die Zeitarbeit dabei spielt, das fragte Andrea Resigkeit, Leiterin des iGZ-Hauptstadtbüros. Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie Z direkt!: Welche Themen werden die Industrie in naher Zukunft am meisten beschäftigen? Michael Vassiliadis: Wir müssen aufpassen, dass die Wertschöpfungskette nicht reißt. Die industrielle Produktion ist die Basis für den Wohlstand in Deutschland. Dazu müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen. Es wäre beispielsweise ganz falsch, die Energiewende eindimensional ökologisch auszurichten. Vielmehr kommt es darauf an, die Balance zu wahren und ökonomische und soziale Erfordernisse nicht aus den Augen zu verlieren. Ich bin sehr froh, dass Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel den Neustart der Energiewende eingeleitet hat. Z direkt!: Welche Bedeutung hat Zeitarbeit für die deutsche Wirtschaft? Vassiliadis: Zeitarbeit wurde einmal eingeführt, um Auftragsspitzen zu brechen oder unvorhersehbare Personalausfälle, zum Beispiel bei Grippewellen, kompensieren zu können. Das ist okay, hier wird die Zeitarbeit ihren Stellenwert behalten. Z direkt!: Erwarten Sie einen Rückgang der Zeitarbeit? Vassiliadis: Die Zukunft der Zeitarbeit wird davon abhängen, ob es durchgängig gelingt, Qualitätsstandards zu entwickeln und einzuhalten, die den Ansprüchen einer Hochleistungswirtschaft genügen. Gute Arbeit muss gut bezahlt werden, dieses Prinzip muss auch für die Zeitarbeitsunternehmen gelten – was leider noch nicht überall der Fall ist. Unser Tarifvertrag mit dem iGZ ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Z direkt!: Sie sind auch Vorsitzender des europäischen Dachverbands der Industriegewerkschaften. Was brauchen Europas Arbeitnehmer? Vassiliadis: Es waren ja gerade Europa-Wahlen, wir haben uns in den Wahlkampf eingemischt, unsere Positionen deutlich formuliert. Wir erwarten vom neuen Parlament, dass es eine Politik für mehr Arbeitsplätze unterstützt und Investitionen in eine industrielle Erneuerung einfordert. Die EU braucht einen sozialen und wirtschaftlichen Aufschwung, das nutzt uns auch in Deutschland. Die Vorschläge unserer Gewerkschaftsföderation 'industriAll' liegen auf dem Tisch. 6

Interview Z direkt! Z direkt!: Einige Firmen haben bereits Arbeitnehmer aus dem Ausland nach Deutschland geholt. Vassiliadis: Im Personalmanagement muss ein Prozess des Umdenkens forciert, eine neue Strategie verfolgt werden. Das gilt generell, nicht allein für die Personaldienstleister. Es kann nicht die Leitlinie sein, Mitarbeiter im Ausland zu rekrutieren mit dem Ziel, die nationalen Standards zu unterlaufen. Billig und prekär – das bietet keine Perspektiven. Weder für die Menschen noch für die Unternehmen. Die Akzeptanz von Zeitarbeit hängt entscheidend davon ab, dass die Arbeitsbedingungen fair und anständig gestaltet werden. Z direkt!: Sollten wir die Ausbildungsstätte Europas werden? Vassiliadis: In der EU ist fast jeder Vierte zwischen 15 und 24 Jahren arbeitslos, in Spanien haben 54 Prozent der jungen Leute keinen Job, in Griechenland sind es beinahe 60 Prozent. Viele Talente kommen zu uns, suchen hier Zukunft und Perspektive. Im Übrigen wird Deutschland vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung auch künftig auf den Zuzug vor allem junger Menschen angewiesen sein. Grundsätzlich jedoch kann Migration eine vorausschauende Bildungs- und Ausbildungspolitik in den Heimatländern nicht ersetzen. Z direkt!: Weiterbildung und Qualifizierung stoßen manchmal auch an Grenzen, was ist zu tun? Vassiliadis: Ich kenne Reiner Hoffman sehr gut, er kommt aus meiner Gewerkschaft. Der neue DGB-Vorsitzende will die „Megatrends der Arbeitswelt“ wie die Digitalisierung von Arbeit, den demografischen Wandel und die Europäisierung und Globalisierung von Arbeit aufgreifen und deren Risiken begrenzen sowie die Chancen für die Beschäftigten erhöhen. Ein zweites Thema hat er mit der Ankündigung gesetzt, eine Offensive für den Ausbau der Mitbestimmung – in Deutschland und Europa – zu starten. Auf die Unterstützung der IG BCE kann Reiner Hoffmann dabei zählen. Z direkt!: Wie wichtig ist die Tarifeinheit? Vassiliadis: Die IG BCE steht zur Tarifeinheit, ohne Wenn und Aber. Zugleich ist für uns jede Einschränkung des Streikrechts völlig unakzeptabel. Die Bundesregierung arbeitet im Augenblick an einem Gesetzentwurf, wir werden das sehr genau verfolgen und begleiten. Z direkt!: Und noch eine persönliche Frage: Wer gewinnt die Fußball-Weltmeisterschaft? Vassiliadis: Natürlich drücke ich unserem Team die Daumen, befürchte jedoch, dass es am Ende nicht ganz reicht. Brasilien wird im eigenen Land nur schwer zu besiegen sein. Vassiliadis: Nicht so schnell. Ich sehe nicht, dass wir die Potenziale tatsächlich ausschöpfen. In der chemischen Industrie haben wir gemeinsam mit den Arbeitgebern das Programm „Start in den Beruf“ aufgelegt. Da werden junge Menschen gefördert, die nach klassischen Vorstellungen nicht ausbildungsfähig sind. Mehr als 80 Prozent schaffen am Ende dann doch den Sprung in die Ausbildung. Dieses Beispiel zeigt, was möglich ist. Es wäre gut, wenn solche Programme auch in anderen Branchen auf den Weg gebracht werden könnten. Z direkt!: Der DGB hat jetzt einen neuen Mann an der Spitze. Was erwarten Sie von Reiner Hoffmann? "Unser Tarifvertrag mit dem iGZ ist ein erster Schritt in die richtige Richtung." 7

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