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Geschäftsbericht 2014-2017

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Zeitarbeit 2030 Weniger

Zeitarbeit 2030 Weniger Arbeitskräfte, weniger Fachleute, mehr Flexibilität Mit dem Blick in die Zukunft, soweit er noch ohne Glaskugel seriös möglich ist, hat sich die iGZ-Projektgruppe „Zeitarbeit 2030“ auseinander gesetzt. Beim Bundeskongress Zeitarbeit 2016 in Bremen stellte die Projektgruppenleiterin Nicole Munk die Ergebnisse vor, die in zahlreichen Sitzungen erarbeitet worden sind. Der Arbeitsmarkt im Jahre 2030 lasse sich mit drei Schlagworten treffend beschreiben: „Wir werden es mit weniger Arbeitskräften, weniger Fachkräften und mehr Flexibilität zu tun haben“, erläutert Munk. Im Interview erläutert sie, zu welchen Ergebnissen die Projektgruppe konkret gekommen ist. Wie wird sich die Digitalisierung – Stichwort: Industrie 4.0 – auswirken? Nicole Munk: Es wird zu einer Verschiebung der nachgefragten Qualifikationen kommen. Die arbeitnehmerlose Fabrik soll im Feldversuch bereits funktioniert haben. Trotzdem wird sie nicht Realität werden. Auch das haben wir in der Projektgruppe diskutiert und mit eingepreist: Nicht alles, was möglich ist, wird auch wahr werden. Allein schon, weil es die Politik und die Tarifpartner nicht zulassen würden, wenn sich die Produktion komplett entvölkern würde. Da muss man beim Blick in die Glaskugel auch realistisch bleiben. Aber der Produktivitätsfortschritt muss sich doch auf die Zahl der benötigten Arbeitskräfte auswirken? Munk: Nicht zwingend. Der Produktivitätsfortschritt wird aber am Ende des Tages wohl nicht dazu führen, dass wir auf Fachkräfte verzichten können. Wir werden nur andere Fachkräfte benötigen als heute. Im vorletzten Jahr gab es auf der Hannover Messe den Themenschwerpunkt Industrie 4.0. Und neben der großen Aktionsbühne zu diesem Thema, was glauben Sie, wer da den größten Stand hatte? – Die Deutsche Telekom. Und warum? – Weil in einer digitalen Welt, in der sich Fabrikprozesse von alleine organisieren, das Handling der Daten besondere Bedeutung erlangt. Die riesigen Datenmengen müssen nicht nur beherrscht werden, sie müssen auch gegen unbefugten Zugriff gesichert werden. Und sie müssen verfügbar sein. Der Zugang zu entsprechenden Datenleitungen wird also zum Standortfaktor. Und bei der Fachkräftenachfrage wird dann gelten: mehr IT, weniger Handwerk. Aber in der Summe bleibt es dann wohl gleich. Wird sich die Digitalisierung auch auf die Abläufe im Zeitarbeitsunternehmen selbst auswirken? Munk: Ja, es gibt jetzt schon viele Möglichkeiten, Abläufe zu automatisieren, zum Beispiel im Recruiting. Da können ganze Prozesse ausgegliedert werden, ohne dass der Bewerber es bemerkt. Oder es finden automatisierte Anzeigenschaltungen statt. Und welche Auswirkungen wird die Digitalisierung bei den Kunden für unsere Branche haben? Munk: Es wird insgesamt zu einer Nachfragesteigerung nach Personaldienstleistungen kommen. Die Unternehmen befinden sich in der Flexibilitätszange: Einerseits verlangen die Produktionsprozesse nach mehr Flexibilität – andererseits tun das nun auch die Mitarbeiter selbst. Entweder weil sie ganz bewusst nur noch einen bestimmten Teil ihrer Lebenszeit für den Broterwerb zur Verfügung stellen wollen. Oder weil die Ansprüche auf Arbeitszeitflexibilität steigen. Das tun sie entweder tariflich, wie die Gewerkschaften 36 iGZ-Geschäftsbericht 2014-2017

schon angekündigt haben, oder aus gesetzlichen Gründen. Hier sei nur als Beispiel das neue Pflegezeitgesetz genannt. Wenn also die Kunden nun von ihren Produktionsanforderungen und den Mitarbeitern gleichzeitig mit Bedarfen nach mehr Flexibilität konfrontiert werden, dann brauchen sie Dienstleister, die ihnen dabei helfen, diese Personalflexibilität zu organisieren. Ich glaube nicht, dass der Markt in Zukunft kleiner werden wird. Aber er wird anders werden. Wie wird sich der Markt denn verändern? Welche Auswirkungen hat das auf die Situation der Zeitarbeit im Jahr 2030, also in nicht mal mehr 14 Jahren? Munk: Die eigenen Personalabteilungen in unseren Kundenunternehmen werden mit der Lösung dieser Herausforderungen überfordert sein. Es ist auch nicht ihre Kernkompetenz. Und wenn es nicht ihre Kernkompetenz ist, dann ist es wie in allen anderen Bereichen des Unternehmens auch eine logische Schlussfolgerung, dass man die Personalflexibilisierung outsourct. Denn es gibt verschiedene Lösungswege – je nach konkreter Situation. Sie brauchen Berater mit entsprechender Erfahrung: die Personaldienstleister als Flexibilitäts-Consulter. Sie sprechen immer wieder von Personaldienstleistern statt von Zeitarbeitsunternehmen. Wieso? Munk: In Zukunft wird Zeitarbeit ein Aspekt der Personaldienstleistung sein. Die geschilderten Herausforderungen werden es notwendig machen, dass man den ganzen Strauß der Arbeitszeitflexibilität aufmacht, dazu berät und gegebenenfalls auch entsprechende Dienstleistungen anbietet. Das kann bei dem einen Unternehmen dann die Zeitarbeit sein. Beim anderen ist es die Personalvermittlung oder das Bewerbermanagement. Welche konkreten Ergebnisse kann die Projektgruppe vorweisen? Munk: Wir haben sehr viele Ideen diskutiert, manche konkretisiert, andere verworfen. Wir sehen klarer mit Blick auf die Situation im Jahre 2030, wenngleich einige Unsicherheiten bleiben. Das iGZ- Seminarprogramm ist bereits um entsprechende Themen, wie die Ausweitung der Geschäftsfelder für Zeitarbeitsunternehmen, erweitert worden. Wir haben eine Artikelserie zum Thema unter Beteiligung der Kunden initiiert. Und wir werden auch das Thema Arbeitgebermarke noch mehr in den Blick nehmen müssen. Denn je stärker der Wettbewerb um die besten Köpfe tobt, desto wichtiger ist es, den Mitarbeitern gegenüber sehr deutlich herauszustellen, welche Vorteile sie beim jeweiligen Unternehmen erwarten können. Es wird in Zukunft als Arbeitgeber nicht mehr ausreichen, „nur“ Arbeit zu geben. Das gilt auch und gerade für die Zeitarbeit. Darum sollten wir als Verband gerade den kleinen und mittelständischen Unternehmen, die in ihrer täglichen Arbeit dieses Thema nicht im Fokus haben, hier durch Seminare oder Praxistipps entsprechende Hilfen an die Hand geben. Klar ist: Die großen machen schon Einiges in dem Bereich. Unsere Aufgabe als Verband ist es aber, auch die kleinen und mittelständischen Unternehmen hierfür zu sensibilisieren. Wie soll es weiter gehen? Munk: Die Arbeit der Projektgruppe ist zunächst einmal getan. Der Blick in die Zukunft bleibt aber ein Prozess, den wir fortführen müssen. Wir haben gemerkt, dass der Blick um 15 Jahre voraus sich als sehr weit erwiesen hat. So konnten wir in unserer Grundannahme den hohen Zuzug an Flüchtlingen mit insgesamt sehr geringen Qualifikationen nicht berücksichtigen. Dennoch war es richtig und wichtig, für dieses Thema zu sensibilisieren und fundiert anzugehen. Wir sollten als Verband dieses Zukunftsthema auf keinen Fall aus den Augen verlieren und werden uns als Erfa-Gruppe auch weiterhin mit der Branchenzukunft auseinander setzen. Das Interview führte Marcel Speker. iGZ-Geschäftsbericht 2014-2017 37

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