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Ausgabe 4/2006:

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| 14 15 | Service: Recht

| 14 15 | Service: Recht LOHNMAGNETISMUS ZIEHT AN Deutsche Fremdarbeiter in den Niederlanden Grenzüberschreitende Zeitarbeit wird in einem zusammenwachsenden Europa immer mehr zu einem Thema. In einer Serie beschäftigt sich die Z direkt! mit der grenzüberschreitenden Arbeitnehmerüberlassung. Teil 3 wirft einen Blick auf unser Nachbarland, die Niederlande. Zeitarbeit gehört in den Niederlanden wie selbstverständlich zum Arbeitsleben. Der Anteil der Zeitarbeit an allen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen ist dort mehr als doppelt so hoch, wie in Deutschland. Das führt auch dazu, dass grenzüberschreitende Arbeitnehmerüberlassung in einem hohen Maße auch in Form deutscher Fremdarbeiter stattfindet. Gerade aus den strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands suchen Viele den Weg gen Westen, der sie dann zu niederländischen Zeitarbeitsunternehmen führt. Die Deutschen arbeiten dort zu einem Mindestlohn (siehe Kasten) oft als Erntehelfer – die in Deutschland üblichen Löhne ziehen dann wiederum polnische Arbeitskräfte an. Diese Art des Lohnmagnetismus zeigt, dass Mindestlöhne grundsätzlich keine Arbeit im Niedriglohnsektor vernichten. Zeitarbeit zwischen Windmühlen und Grachten - In den Niederlanden gilt – wie in Deutschland – der Grundsatz des equal treatment, es sei denn ein Tarifvertrag für die Zeitarbeit erlaubt Abweichungen. - Für Beschäftigungsverhältnisse im unteren Lohnsegment ist der gesetzliche Mindestlohn zu beachten, der nach Alter gestaffelt ist. Ab einem Alter von 23 Jahren ist dem Arbeitnehmer mindestens ein Lohn von 1.264,80 Euro pro Monat zu zahlen. Das entspricht einem Stundenlohn von 7,30 Euro bei einer 40-Stunden-Woche. - Ob das mit den Niederlanden abgeschlossene Doppelbesteuerungsabkommen mit seiner 183-Tage-Frist auch auf deutsche Zeitarbeitnehmer Anwendung findet, ist nicht klar geregelt. Falls die Lohnsteuer in den Niederlanden abgeführt werden soll, muss beim zuständigen Finanzamt in Heerlen eine SOFI-Nummer beantragt werden, die eine Kombination von Steuer- und Sozialversicherungsnummer darstellt. - Das deutsche Zeitarbeitsunternehmen muss eine Dienstantrittsmeldung („eerstedagsmelding“) vor Beginn der Tätigkeit gegenüber dem niederländischen Finanzamt abgeben. Seit Juli 2006 dient diese Meldung der Bekämpfung von Schwarzarbeit und illegaler Beschäftigung. BESONDERE QUALIFIKATION: FLIEßEND PLATTDEUTSCH Als Grenzgänger zwischen Deutschland und den Niederlanden unterwegs Der Deutsche Thomas Hilger und der Niederländer Christiaan ter Heegde haben Einiges gemeinsam: Sie arbeiten beide im jeweils anderen Land. Den täglichen Arbeitsweg über die Grenze hat ein Zeitarbeitsunternehmen für sie organisiert. Thomas Hilger ist 42 Jahre alt. Offensichtlich zu alt, für eine unbefristete Anstellung im produzierenden Gewerbe in Deutschland, wie er erfahren musste. Seit Juli 2006 ist er nun bei FAIR Zeitarbeit in Gronau beschäftigt – und arbeitet in Enschede bei dem mittelständischen Zulieferbetrieb Wolter de Boer B.V.. Dessen Junior- Chef Tiemen de Boer ist mit dem deutschen Industrie-Mechaniker voll zufrieden: „Mitarbeiter in dem Alter bringen jede Menge Erfahrung und Fähigkeiten mit. Davon profitieren wir gerne.“ Hilger ist der erste Deutsche, den die de Boers in ihrem Familienunternehmen beschäftigen. Mit der Sprache gebe es zwar ab und zu noch Probleme, „aber wenn sie langsam reden, kann ich die Kollegen schon verstehen“, sagt Thomas Hilger. Für den FAIR-Geschäftsführer Wilfried Herking sind sprachliche Barrieren keine unüberwindbaren Hindernisse: „Das Plattdeutsche ist dem Niederländischen so ähnlich, dass wir gerne auch Mitarbeiter mit diesen Kenntnissen einstellen.“ Er hat sich auf die Anforderungen der grenzüberschreitenden Arbeitnehmerüberlassung eingestellt, auch wenn es in Deutschland kaum offizielle Stellen gebe, die hier kompetente Unterstützung geben könnten. Darum hat er sich das know-how eingekauft und 2001 eine niederländische Personaldisponentin eingestellt. Linda Gieskes leitet mittlerweile die niederländische Dependance von FAIR, die Personeelsdiensten B.V. in Enschede, die es dort seit Anfang 2006 gibt. Dort hat Christiaan ter Heegde vor wenigen Monaten seinen Personaldisponenten verkündet, dass er lieber in Deutschland arbeiten würde. „Das deutsche Arbeitsklima finde ich angenehmer“, begründete der 27jährige seine Entscheidung. In enger Zusammenarbeit mit der deutschen Mutter-Gesellschaft haben die Personeelsdienste den Facharbeiter dann seit August in der Produktion eines grenznahen Fahrzeugbauers eingesetzt. In seiner Abteilung ist ter Heegde der einzige Niederländer, doch das passe alles gut: Da Deutsch in den Niederlanden ein Pflicht-Schulfach ist, gibt es so gut wie keine Verständigungsprobleme mit den Arbeitskollegen. Doch was sich nach einem reibungslosen Ablauf anhört, ist beileibe nicht so unkompliziert: „Wir müssen jede Menge bürokratische Hürden nehmen, bevor wir grenzüberschreitend tätig werden können“, berichtet auch Lars Ackmann von der ZAQ Personaldienstleistungsgesellschaft. Von Aachen aus setzt er deutsche Zeitarbeitnehmer in niederländischen Unternehmen ein. Diese Schwierigkeiten lägen jedoch nicht an besonderen Regelungen oder Restriktionen der Zeitarbeit. „Die Als deutscher Zeitarbeitnehmer in den Niederlanden eingesetzt: Thomas Hilger. Anforderungen beim Zugang zum niederländischen Arbeitsmarkt sind einfach sehr hoch“, so Ackmann. Von europäischer Harmonisierung oder offenen Märkten sei hier noch nicht viel zu spüren. Die Dienstantrittsmeldung, offene Fragen bei der Doppelbesteuerung und einfach zu viele Formulare und Bürokratismus beklagt Lars Ackmann. Und auch Wilfried Herking hält eine – für manche vielleicht überraschende – Erkenntnis parat: „Die GmbH-Gründung in Deutschland war weit unkomplizierter, als die Eröffnung einer Firma in den Niederlanden.“ Christiaan ter Heegde: Sein täglicher Arbeitsweg führt ihn über die deutschniederländische Grenze. Z direkt! Z direkt!

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