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Ausgabe 3/2007:

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VORTEIL PATCHWORKVITA

VORTEIL PATCHWORKVITA – ZEITARBEIT IN GROSSBRITANNIEN zeitarbeit in europa In keinem anderen europäischen Land ist Zeitarbeit so weit verbreitet wie in Großbritannien. Mittlerweile erreichen die britischen Zeitarbeitskräfte eine Beschäftigungsquote von rund 4,5 Prozent. Für fast 1,5 Millionen Menschen auf der Insel gehört der ständige Berufswechsel zum Berufsalltag. „Temps“ werden überall händeringend gesucht. Das verrät auch ein Blick in eine Londoner Tageszeitung. Dort finden sich spaltenweise Angebote für Zeitarbeitskräfte. „Fremdsprachensekretärin gesucht – 14 Pfund (19,40 Euro) pro Stunde“. AÜ geregelt seit: Anzahl Zeitarbeitnehmer: Frauenanteil: Anzahl aktiver Zeitarbeitsunternehmen: Umsatz der Branche: Haupteinsatzgebiete der Zeitarbeitnehmer: 1973 ca. 1,4 Millionen 47 % 6.500 ca. 33, 4 Milliarden Euro 86% Dienstleistung (davon 43% Öffentliche Behörden und Gesundheitswesen / 17% Logistik / 13 % Bank-und Versicherungswesen) 9% Industrie Regulierung: Das britische Recht enthält nur wenige Vorgaben für den Vertrag zwischen dem Zeitarbeitsunternehmen und dem Überlassenen. In der ersten Zeit können die Zeitarbeitsfirmen ihren „Temps“ von einem auf den anderen Tag kündigen. Erst nach 15 Wochen ununterbrochener Beschäftigung gilt eine Kündigungsschutzfrist von 14 Tagen. Es gibt keinen Tarifvertrag und keine maximale Überlassungsdauer. Lohnniveau: Equal Pay gilt nicht. Nach unten begrenzt werden die Löhne lediglich durch den gesetzlichen Mindestlohn, dessen Höhe auf Grundlage der jährlichen Empfehlung der Low-Pay-Commission festgelegt wird. Dem Gremium gehören jeweils zu einem Drittel Vertreter der Arbeitgeber, der Gewerkschaften und der Wissenschaft an. In diesem Jahr liegt der Mindestlohn bei umgerechnet 8, 20 Euro die Stunde. HINTERGRUND Bleiben in Kontakt: Anna Green, Niederlassungsleiterin einer Zeitarbeitsfirma in England (links) mit ihrer früheren Mitarbeiterin Kathrin Röhe 14 „Schnell wachsendes, junges Unternehmen, das in seine Mitarbeiter investieren will, sucht Aushilfsschreibkraft“ „Hervorragende Aussichten für „Temps“ in der IT-Branche“. Vor allem Einwanderer, Studenten und Angestellte mit geringem Einkommen arbeiten als „Temps“ Qualifikationsmerkmal Zeitarbeit Zu den vielen Einwanderern, die über Zeitarbeit einen Einstieg ins Berufsleben gefunden haben, gehört auch die Deutsche Kathrin Röhe. Nach kaufmännischer Ausbildung in Deutschland, International-Busness-Studium in Großbritannien und kurzer Berufstätigkeit in Deutschland, lebt und arbeitet sie nun wieder in Großbritannien. „Die Briten stehen der Zeitarbeit weitaus offener gegenüber als die Deutschen. Gerade, was den höherqualifizierten Bereich angeht“, meint die gebürtige Rheinländerin. Für ihre Kommilitonen zum Beispiel sei Zeitarbeit eine der denkbaren beruflichen Optionen nach Erhalt des Abschlusses gewesen. „Für meine deutschen Freunde nicht immer verständlich“, so Röhe. Sicher eine Mentalitätsfrage. In deutschen Lebensläufen würden Phasen flexibler Beschäftigung und häufige Jobwechsel nicht selten kritisch beäugt. In Großbritannien sei dies umge- kehrt. Und damit bestätigt sie eine allgemeine Beobachtung auf dem britischen Arbeitsmarkt, die auch in Deutschland immer mehr Einkehr findet: Schief angeschaut werden vor allem Bewerber, die nur wenige Berufsstationen in ihrem Lebenslauf vorweisen können. Externes Fachwissen gefragt „Zeitarbeit hat sich in Großbritannien von ihrer Ursprungsfunktion als Lückenfüller für Personalausfälle rasant fortentwickelt“, meint Anna Green, Niederlassungsleiterin bei dem britischen Zeitarbeits- und Personalvermittlungsunternehmen Reed Employment in Preston, im Nordwesten Englands. Kein Wunder, meint sie, denn die britische Zeitarbeit habe ja im Vergleich zum europäischen Ausland geraume Zeit gehabt, sich auf dem Markt zu etablieren. „Unser Unternehmen beispielsweise ist seit 1960 auf dem Markt. Da war Zeitarbeit in vielen europäischen Ländern noch verboten“, so Green. Tatsächlich setzen auf der Insel die Unternehmen „Temps“ häufig ein, um von externem Fachwissen für ein bestimmtes Projekt zu profitieren oder eine neue strategische Ausrichtung auszuprobieren. Übrigens ein Grund, warum britische Arbeitsmarktexperten die auf EU-Ebene diskutierte Einführung von Equal Pay für problematisch halten. Denn, so warnen sie, ein vergleichbarer Arbeitnehmer ist oft nur schwierig auszumachen. Wenig reguliert Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen sind anders. So haben die Briten von Anfang an wenig reguliert und bürokratische Hürden fastvollständig abgebaut. Tarifvertragliche Vereinbarungen gibt es zwar vereinzelt, diese haben aber keine nationale Bedeutung. „Wir wenden keinen Tarifvertrag an“, sagt Green. Das heiße aber nicht, dass den Arbeitnehmern keine attraktiven Lohn- und Arbeitsbedingungen und faire Sozialleistungen geboten würden. „Zum einen sind wir natürlich an Recht und Gesetz gebunden, alles was darüber hinaus geht, wie etwa Urlaubsgeld, Weiterbildung und betriebliche Altersvorsorge haben wir individuell festgelegt“, erklärt Green. Die einzige Marschroute, die die britischen Zeitarbeitsunternehmen in Sachen Bezahlung haben, ist der allgemeine gesetzliche Mindestlohn. Für Reed Employment spielt das keine große Rolle. „Denn“, so Green, „wir sind hauptsächlich in höher qualifizierten Bereichen tätig und da liegen die Löhne weit über dem staatlich festgelegten Mindestlohn“. Grundsätzlich befürworte sie allerdings eine staatliche Lohnuntergrenze für die Zeitarbeit. „So ist Lohndumping durch die die Entsendung von Zeitarbeitnehmern aus den neuen EU-Oststaaten ausgeschlossen.“ Viele Briten sehen Zeitarbeit nicht lediglich als Sprungbrett, sondern einfach als lukrativen und praktischen Nebenjob. Besonders nach Weihnachten boomt das Geschäft mit der Zeitarbeit. Dann suchen Tausende Briten nach einer kurzfristigen Arbeit, um ihr Konto aufzufrischen und die Kreditkartenrechnungen zu bezahlen. Sie setzen sich nach Feierabend in Callcenter, erledigen am Wochenende die Ablage in Büros. „Die Zeitarbeit ist hilfreich, um schnell eine Arbeit zu finden und zusätzlich Geld zu verdienen“, wirbt der Branchenverband REC auf seinen Internet-Seiten. Nach Angaben des Nationalen Statistikamtes haben mehr als eine Million Menschen auf der Insel zwei Jobs. Für Röhe war die Zeitarbeit ein Sprungbrett. Nach nur drei Monaten als „Temp“ bei Reed Employment ist sie nun „Perm“ beim Einsatzunternehmen. Arbeitnehmerüberlassung nach England: Lohnsteuer: Es gilt die 183-Tage-Regelung nach dem deutsch-britischen Doppelbesteuerungsabkommen. Das heißt, dass der deutsche Arbeitgeber für den entsandten Arbeitnehmer in den ersten 183 Tagen keine Lohnsteuer in Großbritannien abführen muss, sondern dass das dem Arbeitnehmer zufließende Arbeitsentgelt ausschließlich in Deutschland zu versteuern ist. Danach kann eine Doppelbesteuerung durch die sogenannte Freistellungsmethode vermieden werden. Sozialversicherung: Der Arbeitnehmer verbleibt in der deutschen Sozialversicherung, soweit es sich um eine vorübergehende zeitlich begrenzte Entsendung handelt (maximal zwölf Monate, kann aber um weitere zwölf Monate verlängert werden).

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