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Ausgabe 2/2007:

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16 | Zeitarbeit in

16 | Zeitarbeit in Europa Zeitarbeit in Europa | 17 ZEITARBEIT DIESSEITS DER PYRENÄEN In einer Serie beschäftigt sich die Z direkt! mit der Zeitarbeit im europäischen Ausland und Fragen der grenzüberschreitenden Arbeitnehmerüberlassung. Teil 5 wirft einen Blick auf unsere französischen Nachbarn. Frankreichs Zeitarbeitsmarkt gehört zu den weltweiten Spitzenreitern. Mit einem Umsatzvolumen von rund 20, 5 Milliarden Euro im Jahr 2006 belegt er den dritten Platz nach den USA und Großbritannien. Der Beschäftigungsanteil der Zeitarbeit liegt in Frankreich bei mindestens 2,2 Prozent. Rund 600 000 Zeitarbeitnehmer sind bei Zeitarbeitsfirmen beschäftigt. Tendenz weiter steigend. Rund 1000 „entreprises d’intérims“ (auf Deutsch: Zeitarbeitsunternehmen) gibt es in Frankreich, wobei anders als in Deutschland die Global Player mit einem Anteil von 80 Prozent den Markt dominieren. SCHEIN STARKER REGLEMENTIERUNG TRÜGT Z direkt! sprach mit Prof. Michel Ph. Mattoug, einem Kenner des französischen Zeitarbeitsmarktes Prof. Michel Ph. Mattoug studierte in Frankreich Germanistik und in Deutschland Jura. Er ist Inhaber von Professuren für Strategie und interkulturelles Management mit dem Schwerpunkt Ausbildung von internationalen und interdisziplinären Interface-Kompetenzen. Durch seine vielfältigen Management- und Verbandstätigkeiten in der internationalen Wirtschaft in Deutschland und Frankreich ist er ein Fachmann auf dem Gebiet der Zeitarbeit in diesen Ländern. HINTERGRÜNDE REGULIERUNG Ein Zeitarbeitsverhältnis in Frankreich ist immer auch ein befristeter Arbeitsvertrag. Deshalb entsprechen die Gründe für den Einsatz von Zeitarbeit im Wesentlichen denen für den Abschluss eines befristeten Arbeitsverhältnisses. Zeitarbeitnehmer dürfen also etwa nur im Falle des Ausfalls eines Stammbeschäftigten, bei zeitlichem Arbeitsanstieg oder saisonalen Tätigkeiten eingesetzt werden. Auch die Einsatzhöchstdauer richtet sich nach der gesetzlich festgelegten maximalen Laufzeit eines befristeten Arbeitsvertrags. Nach französischem Recht ist die Laufzeit eines befristeten Arbeitsvertrages und damit auch eines Zeitarbeitsverhältnisses grundsätzlich auf maximal 18 Monate beschränkt. Ist der Zeitarbeitnehmer nach dem gesetzlich vorgeschriebenen Überlassungsende noch weiterhin im Kundenbetrieb beschäftigt, gilt ein unbefristeter Arbeitsvertrag mit dem Kundenunternehmen als abgeschlossen. LOHNNIVEAU Zeitarbeitnehmer haben kraft Gesetzes Anspruch auf Equal-Pay, wobei das Kundenunternehmen die Verantwortung trägt. Zusätzlich erhält der Zeitarbeitnehmer, wie jeder andere Arbeitnehmer, der in einem befristeten Arbeitsverhältnis steht, eine zehnprozentige Prämie, wenn der Vertrag wie geplant erfüllt wird. In Frankreich gibt es einen gesetzlichen Mindestlohn, der jedes Jahr zum 1.Juli neu fest gelegt wird. Derzeit liegt er bei 8,44 Euro pro Stunde. ARBEITNEHMERÜBERLASSUNG NACH FRANKREICH Sozialversicherung: Der Arbeitnehmer verbleibt in der deutschen Sozialversicherung, soweit es sich um eine vorübergehende zeitlich begrenzte Entsendung handelt (maximal zwölf Monate, kann aber um weitere zwölf Monate verlängert werden). Lohnsteuer: eine Doppelbesteuerung wird durch Steueranrechnung vermieden. Dies sollte vor der Entsendung mit dem zuständigen Betriebsstättenfinanzamt abgeklärt werden. Zum Thema grenzüberschreitende Arbeitnehmerüberlassung bietet der iGZ (RA Stefan Sudmann) regelmäßig Seminare an. Nähere Informationen unter www.ig-zeitarbeit.de Warum liegt trotz der engen Ketten, die der französischen Zeitarbeit angelegt sind, ihr Beschäftigungsanteil bei nicht unerheblichen 2,2 Prozent? Weil der französische Zeitarbeitsmarkt nur vordergründig stark reglementiert ist. Die Einsatzgründe werden zum Teil weit ausgelegt. So ist der Einsatzgrund des Mehranfalls an Arbeit fast immer erfüllt. Auch die Überlassungshöchstdauer macht Zeitarbeit nicht unattraktiv für die Unternehmen. Denn diese Nachteile werden an anderer Stelle wieder ausgeglichen. So tragen die französischen Verleiher im Unterschied zu den deutschen Zeitarbeitsunternehmen nicht das Beschäftigungsrisiko der Zeitarbeitnehmer, so dass dieses auch nicht als Kostenfaktor in den Verrechnungspreis fällt. Dafür gilt Equal Pay plus 10 Prozent. Wofür bekommen die französischen Zeitarbeitnehmer eine Prämie von zehn Prozent? Bringen Zeitarbeitnehmer dem Kunden dann überhaupt noch einen wesentlichen Kostenvorteil? Die gesetzlich vorgeschriebene Prämie ist gewissermaßen ein Ausgleich für die Befristung des Arbeitsverhältnisses. Zeitarbeitnehmer bringen dem Entleiher immer einen erheblichen Kostenvorteil, da der Verleiher die Kosten für die Einstellung vor, Betreuung während und Entlassung nach dem Einsatz trägt und als Profi solcher Aktivitäten diese Kosten effizient einsetzt. Und das ist letztlich der Vorteil, zum Beispiel gegenüber der Einstellung eines befristet Beschäftigten. Die französischen Zeitarbeitsunternehmen tragen überdies in nicht unerheblichem Maße die Kosten für die Weiterqualifizierung ihrer Mitarbeiter, zu der sie gesetzlich verpflichtet sind. In Frankreich gibt es einen gesetzlichen Mindestlohn. Welche Erfahrungen haben Sie mit der staatlichen Lohnregulierung innerhalb der Zeitarbeitsbranche gemacht? Der gesetzliche Mindestlohn wird nirgendwo in Frage gestellt, weder bei den Entleihern noch bei den Verleihern. Schließlich muss ein vollbeschäftigter Arbeitnehmer – auch Zeitarbeitnehmer – von seinem Lohn leben können. Was für ein Image hat die Zeitarbeit in Frankreich? Sind Veränderungen bemerkbar? Entscheidend für das Image ist bei uns die Meinung der Zeitarbeitnehmer: Eine wissenschaftliche Studie hat ergeben, dass über 90 Prozent der Zeitarbeitnehmer ihren Familienangehörigen eine Arbeitsaufnahme in der Zeitarbeit empfehlen würden. Aber auch die übrigen Arbeitnehmer haben zu 77 Prozent eine gute Meinung von der Zeitarbeit. Diese Meinungslage besteht unverändert. Wie beurteilen Sie die fachliche Qualität der französischen Zeitarbeitnehmer? Mit einem Fachkräfteanteil von rund 40 Prozent hat die Qualifikation der Zeitarbeitnehmer 2006 einen Höchststand erreicht – im Durchschnitt steigt sie jährlich um knapp über 2 Prozent, während die Anzahl von un- oder angelernten regelmäßig um neun bis zehn Prozent zurückgeht. Die Branche bleibt also leistungsfähig. Was wünschen Sie sich vom französischen Zeitarbeitsmarkt der Zukunft? Bessere Margen! Die Verlagerung der Preisverhandlung auf die Einkaufsabteilungen der Entleiher hatte auf die Margen vor allem mittelständischer Verleiher negative Folgen, die sich aber durch die Spezialisierung auf Fachkräfte ausgleichen lassen könnten. Außerdem hoffe ich, dass sich die angenehme Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften fortsetzt und zu einer Optimierung der freiwilligen Sozialleistungen der Verleiher für ihre treuen Zeitarbeitnehmer führt. Zu wünschen wäre außerdem mehr Offenheit für den Einsatz von Senioren und eine positive Wirkung der zwischen den Sozialpartnern vereinbarten Maßnahmen zur Qualifizierung von arbeitslosen Jugendlichen. 2/2007 Z direkt!

Z direkt!

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